To-go-Becher und Kaffeemühle – Was kommt ins Museum?

Rund 150 Liter Kaffee trinkt der Durchschnittsdeutsche im Jahr. Die Tasse Kaffee gehört heute vielfach zum Alltag – ob aus der leise röchelnden Maschine in der Büroküche, der Thermoskanne, als „to-go“ vom Bäcker oder gediegen im Lieblingscafé.

Klar ist daher, dass sich ein solches „alltägliches“ Getränk auch in einer alltagkulturellen Sammlung facettenreich spiegelt. Fast 500 Treffer finden sich in der Datenbank alleine zum Schlagwort „Kaffee“ in der Sammlung des LVR-Freilichtmuseums Kommern und Rheinischen Landesmuseums für Volkskunde.

Was aber sind das für Objekte? Und was sind die Kriterien, nach denen solche Objekte in eine museale Sammlung aufgenommen werden, nach denen sie also ausgesucht werden?

Am Beispiel des Themas Kaffee sollen diese Fragen einmal genauer betrachtet werden.

Weiße Kaffeedose aus Keramik mit dunkelblau gemaltem Zierband und dem Schriftzug Kaffee.
Was findet sich alles zum Thema “Kaffee“ in einer Museumssammlung? Etwa diese Kaffeedose aus dem frühen 20. Jahrhundert.
Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern, Hans-Theo Gerhards

Vor über 300 Jahren kam der Kaffee nach Europa und somit auch nach Deutschland. Da er aus Übersee eingeführt werden musste, war er zunächst sehr teuer und blieb daher wohlhabenderen Schichten vorbehalten. Doch das änderte sich mit der Zeit und der Kaffee drang immer weiter in die Gesellschaft vor. Spätestens Anfang des 20. Jahrhunderts kann man Kaffee als „alltäglichen Luxus“ bezeichnen, der zwar weiterhin nicht billig, aber nun „in allen sozialen Schichten, geschlechterübergreifend und zu jeder Tageszeit konsumierbar“[1] war.

Dass Kaffee lange Zeit Luxusgut blieb, zeigt sich unter anderem an dem Kaffeeservice. In vielen Familien gab es das „gute“ Geschirr oder auch das „Sonntagsgeschirr“, das nur zu ausgewählten Anlässen auf den Tisch kam – vielfach verbunden mit einem „guten Tässchen Kaffee“. Sehr viele dieser Services finden sich heute in der Sammlung des Museums in Kommern. Es sind zeittypische Objekte, die – meist im Kontrast mit anderen – in der Lage sind, Entwicklungen abzubilden.

Geschirrservice mit Tellern, Suppentellern, Tassen, Kaffeekanne, Soßenschälchen und Schalen in weiß mit Blumenmotiv,
Dieses Service mit verschiedenen Blumenmotiven in kräftigen Farben stammt aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Es war lange Zeit nicht nur eines der beliebtesten Dekore der Firma Villeroy & Boch. Die Serie „Alt Straßburg“ ist auch eine der ältesten Serien des Unternehmens.
Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern, Hans-Theo Gerhards

Denn: Ganz anders präsentiert sich Kaffeekonsum heute. Schnell muss es gehen, praktisch sein, und entsprechend verkauft jeder Bäcker an fast jeder Straßenecke Kaffee im Becher, zum Mitnehmen, eben englisch „to go“. Auch ein solches Exemplar wird in der Museumsammlung verwahrt. Denn Museen sind immer auch bestrebt, Geschichte, die ‚noch qualmt‘, abzubilden.[2] Dies meint vor allem aktuelle Phänomene, die den Miterlebenden (also uns) zunächst vielleicht gar nicht „museumswürdig“ erscheinen. Doch zukünftigen Generationen wird der to-go-Becher als aussagekräftiges Objekt über unsere Zeit gelten. Denn er ist in der Lage, viele verschiedene Aspekte gegenwärtiger Kultur zu visualisieren. Er zeigt nicht nur die veränderte und beschleunigte Konsumkultur, er thematisiert bspw. auch mit seinem Plastikdeckel (oder auch in der Ablehnung des ganzen Bechers und dem Umstieg auf Mehrwegbecher) die aktuell so allgegenwärtigen Themen Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Klimawandel.

Bei der aktiven Sammlungspolitik eines Museums ist auch das genau die Kunst: Schon heute zu erkennen, was zukünftig aussagekräftig sein kann.

Plastik-Becher mit Deckel, braun gemustert mit weißer Aufschrift "Kaffee ist immer eine gute Idee"
Cofe-to-go-Becher von 2021. Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern, Elias Nüse

Ein wichtiger Aspekt eines alltagskulturellen Museumsobjektes ist, Betrachtenden emotionale Anknüpfungspunkte zu bieten. Der Grat, der dabei beschritten wird, ist ein schmaler – denn Museen sind und bleiben in erster Linie Instanzen der Wissensvermittlung. Sie sind bemüht, emotionale Überwältigung zu vermeiden.[3] Doch die Forschung der letzten Jahrzehnte hat gleichzeitig gezeigt, dass eine positive Emotion (im Sinne eines persönlichen Bezuges der Besucherinnen und Besucher) den Museumsbesuch spannender, interaktiver und lehrreicher gestalten kann.[4] Museen versuchen daher, mit ihren Objekten die Gäste dazu zu veranlassen, eigene Erinnerungen zu aktivieren.[5]

Ein Beispiel hierfür in unserem Themenkontext „Kaffee“ findet sich etwa in einer Kaffeehaube mit Muster.

Taschenähnliche Haub aus Stoff mit Roten Seiten und weißem kariertem Stoff mit Obstmotiven auf der Vorderseite
Kaffeehaube, Kunststoff und Textil, 1960er Jahre.
Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern, Hans-Theo Gerhards

Die Kaffeehaube als museales Objekt, hat dabei zwei Aufgaben: Sie veranschaulicht erstens ein wichtiges Stück alltäglicher Kultur, nämlich des Versuches, Kaffee über längere Zeit warm und schmackhaft zu halten. Doch daneben bietet die Kaffeehaube auch Anknüpfungspunkte für Betrachtende, sich zu erinnern, vielleicht eigene Erfahrungen an der Kaffeetafel in der gezeigten Haube wieder zu erkennen. Ein „Ach guck mal, so eine hatte Oma auch immer auf dem Tisch“ ist die Reaktion, die derartige Objekte auslösen können.

Kaffeemühle aus Auffangbehälter aus Holz und Kurbel aus Messing.
Bis zur Elektrifizierung der Haushalte wurde Kaffee, sofern man sich dieses teure Produkt leisten konnte, mit der Hand gemahlen. Dafür waren Kaffeemühlen in fast jedem Haushalt zu finden, etwa auch dieses Exemplar aus dem frühen 20. Jahrhundert.
Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern, Hans-Theo Gerhards

Eine weitere Aufgabe, die Objekte übernehmen können, besteht darin, vergangenes Wissen und vergangene Techniken zu erhalten.  Bei unserem Beispiel „Kaffee“ ist das z.B. die Kaffeemühle, von der sich zahlreiche in den Beständen des Museums finden. Sie zeugt von einer Zeit, als vor der Zubereitung der Kaffee erst selbst gemahlen werden musste, da er als ganze Bohne ins Haus kam. In heutigen Zeiten, in denen der Kaffee als Pulver (oder gar als Kapsel) eingekauft wird, oder aber von der Maschine selbst gemahlen wird, undenkbar.

Die Kaffeemühle visualisiert also eine Tätigkeit, die heute in dieser Form nicht mehr alltäglich ist. Noch deutlicher wird diese Funktion bei älteren Objekten, so etwa einem Kaffeeröster. Denn die Zeiten, in denen der Rohkaffee zu Hause selbst geröstet wurde, sind lange vorbei, die reine Möglichkeit, Kaffee selbst zu rösten ist heute den wenigsten noch vertraut. 

Kaffeeröster ohne Stiel, aus Eisen, zum Einsetzen in einen Sparherd, um 1900.
Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern, Hans-Theo Gerhards

Was also kann, was will ein museales Objekt leisten? Objekte im Museum sind im Regelfall vielstimmig, das heißt sie „erzählen“ unterschiedliche Geschichten, je nachdem, mit welcher Frage man an sie herangetreten ist. Nicht jedes museale Ausstellungsstück ist eindeutig einer bestimmten Funktion zuzuordnen, und auch sind die hier vorgestellten Funktionen nicht ohne Unschärfe, Grenzfälle und Anspruch auf Vollständigkeit. Doch sie geben einen Einblick darein, was museale Objekte ausmacht und wo auch die Herausforderungen in der musealen Sammlungsarbeit liegen.


[1] Bauer, Katrin: Kaffee als Kulturgut. Rösten und Mahlen oder Pad einsetzen? In: Portal Alltagskulturen im Rheinland, online abrufbar: https://alltagskulturen.lvr.de/de/zusammenhaenge/Kaffee-als-Kulturgut/LVR/lido/565479370f1694.28885987 (10.06.2021)

[2] vgl. Preißler, Dietmar: „Damit wir uns erinnern können“. Von der Straße ins Museum, in: museumsmagazin 3/2020, S. 20-21, S. 20.

[3] In der politischen (und schulischen) Bildung haben sich Didaktiker bereits in den 1970er Jahren auf den sogenannten „Beutelsbacher Konsens“ verständigt, der gegen genau diese Überwältigung eintritt und Kontroversität einfordert.

[4] Wichtig ist die „Beziehung […] zwischen dem historischen Faktum […] einerseits und einer persönlichen oder sozialen Betroffenheit [der Rezipierenden, Anm. EN] andererseits.“ Aus: Gautschi, Peter et al.: Kompetenzmodell für „Historisches Lernen“. Eine Orientierungshilfe für Lehrerinnen und Lehrer, in: http://www.gesellschaftswissenschaften-phfhnw.ch/wp-content/uploads/2014/01/Gautschi_Hodel_Utz_2009_Kompetenzmodell.pdf (10.06.2021)

[5] Gottfried Korff sprach von der „Erinnerungsveranlassungsleistung“, in: Ders.: Museumsdinge. deponieren – exponieren (Hrsg. von Martina Eberspächer et al.), Köln/Weimar/Wien 2002, S. 143.

Ein Gedanke zu “To-go-Becher und Kaffeemühle – Was kommt ins Museum?

  1. Monika Posselt

    Ich mahle noch heute meine Espressobohnen mit der Hand in einer alten Holzhandmühle. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich als Kind meine Großmutter bewunderte, weil sie das so gut konnte. Ich war beim Versuch kläglich gescheitert, weil meine Kraft nicht dazu ausreichte…

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