Mönchengladbach 1964 – Mitarbeiter des Freilichtmuseums Kommern sind im Mönchengladbacher Stadtteil Lürrip, um einen Fachwerkhof aus dem 17. Jahrhundert abzubauen. Gefach für Gefach wird der stattliche Hof rückgebaut. Dabei schält sich ein weiteres Gebäude heraus. Im Fachwerk des Hofes integriert befindet sich ein Speichergebäude aus dem 15. Jahrhundert.
Wilhelm Nakatenus wurde 1617 in Lürrip, heute ein Stadtteil von Mönchengladbach, geboren. Er war Jesuit, später Hofprediger des Kurfürsten Maximilian Heinrich von Bayern in Bonn und Autor der Gebetssammlung und Meditationsanleitung „Das Himmlische Palmgärtlein“. Seine Familie ist Namensgeber des Hofes, den das Freilichtmuseum fast 350 Jahre später abbauen sollte.
Der „Nakatenushof“ oder auch „Nakatenhof“ wurde Anfang des 17. Jahrhunderts im Jahr 1607 errichtet.

Darauf verweist nicht nur die Inschrift im Türsturz „Anno 1607“, sondern auch die Ergebnisse der dendrochronologischen Untersuchung. Diese ergeben als Fälldatum der für das Fachwerk verwendeten Eichen das Jahr 1606. Für den geplanten Hofbau wird das dortige Grundstück und damit eine bereits bestehende Hofanlage geteilt. So kommt es, dass ein Speichergebäude auf dem vorgesehenen Bauplatz steht. Anstatt diesen Speicher abzureißen, wird er als Wohngebäude umfunktioniert und in das neue Gebäude integriert.

Zeichnung: Archiv LVR-Freilichtmuseum Kommern
Der so entstandene Hof steht anschließend wie aus einem Guss da, der Speicher ist nur bei genauem Studium des Fachwerks auszumachen.
Im 20. Jahrhundert fällt auch der zuständigen Denkmalbehörde der historische Wert dieser Hofanlage auf, sie wird unter Denkmalschutz gestellt. Ein denkmalgeschütztes Gebäude kann nicht ohne Genehmigung verändert oder abgerissen werden. Einen Abriss plant jedoch Anfang der 1960er-Jahre der Eigentümer des Hofes.
Zu Beginn der 1960er-Jahre ist das Freilichtmuseum Kommern noch auf der Suche nach Gebäuden für das erst kürzlich eröffnete Museum. Der Museumsleiter Herr Dr. Zippelius trifft sich 1962 oder 1963 mit dem damals amtierenden Landeskonservator Dr. Kisky in Mönchengladbach-Lürrip in der Neusser Straße 117. Gemeinsam besichtigen sie den „Nakatenushof“ und bemerken wohl dabei den im Hof gewissermaßen versteckten Speicher.

Foto: Archiv LVR-Freilichtmuseum Kommern
Für beide steht fest: Dieser Speicher soll seinen Weg in das Museum finden, sollte der Hof je abgerissen werden.
Es trifft sich, dass Dr. Kisky einige Zeit später von dem geplanten Abriss des Hofes erfährt. In einem Schreiben berichtet er Dr. Zippelius davon. Als dieser schließlich auch von den Anwälten des Hofeigentümers bezüglich des Abriss angeschrieben wird, erteilt er ihnen die Auskunft, dass der denkmalgeschützte Hof nur mit Genehmigung des Landeskonservators abgerissen werden kann. Einer Genehmigung stand wohl in diesem Fall nichts im Wege.
Der Abriss des „Nakatenushof“ wird von dem damaligen Oberstadtdirektor kontrovers gesehen. Erfreulich scheint damals also, dass die Aussicht besteht, den Hof wiederaufgebaut im Freilichtmuseum Kommern besichtigen zu können, auf diese Weise geht er nicht verloren.
Die letzten Bewohner des Hofes verlassen diesen Ende Juni 1963. Zwei Wochen darauf wird in der Früh um 9 Uhr mit den Abbrucharbeiten begonnen. Zwei bis drei Wochen sind dafür eingeplant.


Foto: Archiv LVR-Freilichtmuseum Kommern
Bis zum Wiederaufbau des abgebrochenen Gebäudes auf dem Gelände des Freilichtmuseums vergehen wiederum 11 Jahre. Wiederaufgebaut wird jedoch nur der älteste Teil des Hofes, der Speicherbau, von dem angenommen wird, er stamme aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Das Gefüge und vergleichbare Speicherbauten des 15. Jahrhunderts lassen darauf schließen.
1971 beantwortet Herr Dr. Zippelius den Brief eines Studenten, der zu Leben und Werk des Wilhelm Nakatenus forscht. Er teilt ihm mit, dass der Hof, der Geburtsort von Nakatenus, abgebrochen und nach Kommern gebracht worden sei. Später ist nur die Rede von der Wiederrichtung des Speichers zwischen zwei bereits bestehenden Höfen in der Baugruppe Niederrhein, der Hof des 17. Jahrhunderts findet keine Erwähnung mehr.
Dass der Speicher als ältester Teil des Hofes in jedem Fall errichtet werden soll, war von Anfang an beschlossene Sache. Vermutlich fiel damit auch die Entscheidung, dass die übrige Hofanlage überhaupt nicht mehr aufzubauen ist. Wo die Reste des abgebrochenen Hofes verblieben sind, bleibt ein ungelöstes Rätsel. Die ursprünglich durch den Stadtrat Mönchengladbach sowie den Oberstadtdirektor gehegten Hoffnungen, den Hof durch eine Translozierung erhalten zu können, haben sich demnach zerschlagen.
Heute lässt sich der Speicher, das vermutlich älteste Gebäude des Freilichtmuseums, von allen Seiten besichtigen.

Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern, Hans-Theo Gerhards
Im Museum ist auch wieder seine ursprüngliche Nutzungsbestimmung als Lagergebäude deutlich gemacht. Im Zusammenhang mit der Hofanlage wurde der Speicher bis zu deren Abbau als Wohnraum und Waschküche genutzt.

Vielen Dank für dieses interessante Stück Lokalgeschichte. Ich bin in direkter Nachbarschaft in Lürrip aufgewachsen und hätte mir nie vorstellen können, dass es dort vor nur wenigen Jahrzehnten so vergleichsweise ländlich war. Bitte mehr davon!
Ein sehr gut recherchierter und sehr anschaulich dargestellter Artikel über Herkunft, Zweck und Bedeutung des Getreidespeichers aus Lürrip. Vielen Dank dafür. Diesen hatten wir zufällig gerade am 26.03.2024 mal wieder besucht, um den Fortschritt beim neuen Wassergraben anzuschauen. Und dann kommt kurz danach der vorliegende Newsletter mit weiteren Infos und neuen Anregungen.
Danke an alle Beteiligten, dass Sie Geschichte so lebendig werden lassen. Wir werden bald wiederkommen in unser „Dorf der Erinnerungen“.
H.-K. Müller