Während die Kinobranche nach den weitreichenden Einschränkungen der Corona-Pandemie eine Renaissance zu erleben scheint , führt uns dieser Beitrag zurück in eine Zeit, als das Kino, insbesondere im ländlichen Raum, noch eine Seltenheit war. Das Eifel-Lichtspieltheater in Gemünd blickte bis zu seiner Schließung im Jahr 2011 auf eine facettenreiche Geschichte zurück, die wir hier Revue passieren lassen.
Vor der Gründung regulärer Kinos nach modernem Standard etablierten sich um die Jahrhundertwende im ländlichen Raum zunächst improvisierte Vorführungen der „bewegten Bilder“ in Gaststätten und Lokalen. Filmvorführer zogen über Land von Ort zu Ort und führten dort die neuartigen Filme einem staunenden Publikum vor. Aufgrund des durchschlagenden Erfolgs dieses neuen Mediums entstanden schnell feste Saalkinos mit einem immer größeren Angebot und unterschiedlichsten Genres. Zunächst handelte es sich hierbei um Stummfilme, die in den Sälen oft von Live-Musik an Klavier oder Harmonium begleitet wurden. Doch bereits ab 1927 wurden als eine Welle der musikinspirierten Innovation aus den USA auch in Deutschland zunehmend vertonte Filme in den Kinosälen gespielt.
In den urbanen Metropolen herrschte indes ein anderes Tempo. Bereits 1896 wurde in Berlin das erste Kino eröffnet, und bald darauf begann die Ära der opulenten Filmpaläste, die international Anklang fanden. In Deutschland entstanden beispielsweise der Mercedes-Palast in Berlin sowie der Ufa-Palast in Hamburg, die jeweils 2.500 Plätze boten. Solch eine Größenordnung blieb den Großstädten vorbehalten.
Die Gründungsjahre des Eifelkinos Gemünd: Kino als Rarität im ländlichen Raum

Foto: Archiv LVR-Freilichtmuseum Kommern
In den frühen 1930er-Jahren stellte Johann Pilger, Betreiber einer Gaststätte und eines Kolonialwarenladens, seine Wirtschaft „Zur Talsperre“ für Filmvorführungen zur Verfügung. Umherziehende Filmvorführer brachten ihre mobilen Projektoren und das notwendige Equipment mit, um die Gemünder und neugierige Besucher aus der Umgebung mit den neuesten Filmtiteln zu versorgen.
Neubau und Kino unter der NS-Herrschaft

Foto: Archiv LVR-Freilichtmuseum Kommern
Mitte der 1930er-Jahre beschloss Pilger, ein eigenes Kino errichten zu lassen, das am 17. September 1937 feierlich eröffnet wurde. Die offizielle Betriebserlaubnis erhielt er hingegen erst im Mai 1940. Wenige Monate später bekam Pilger das Befähigungszeugnis als Filmvorführer der durch die Nationalsozialisten gleichgeschalteten Reichsfilmkammer.

Foto: Archiv LVR-Freilichtmuseum Kommern
Doch bereits wenige Jahre nach Gründung erlitt das noch junge Kino, kurz vor Kriegsende, durch eine Fliegerbombe erhebliche Schäden. Während des Nationalsozialismus fungierte das Kino in Deutschland primär als Medium der Propaganda und zur Zerstreuung durch Unterhaltung. Filme wie „Jud Süß“ oder „Triumph des Willens“ hatte klare Ziele in der subtilen Vermittlung der faschistisch-rassistischen Ideologie. Die Filmproduktion unterlag strengen Kontrollen unter der Aufsicht des Propagandaministers Joseph Goebbels.
Wiederaufbau und Blütezeit

Foto: Archiv LVR-Freilichtmuseum Kommern
Nach dem Krieg übernahm Johann Pilgers Sohn gemeinsam mit seiner Frau Betty den Betrieb. Das Ehepaar kümmerte sich um den Wiederaufbau, unterstützt durch ein Darlehen der Stadt im Jahr 1950. Fünf Jahre später investierten die beiden erneut in die Modernisierung und erneuerten die Innenausstattung, einschließlich einer zeitgemäßen Leinwand, die nun aktuelle Filmformate unterstützen konnte.
Im Jahr 1977 verkauften die Pilgers das Kino an den Sportbekleidungsvertreter Helmut Peters, der es anschließend an verschiedene Betreiber verpachtete. Ab den 1990er-Jahren führte Herbert Renck das Lichtspieltheater und blieb vielen Besuchern in nostalgischer Erinnerung.
Die Ära Herbert Renck: Kino mit Charme
Renck war eine besondere Persönlichkeit: Zurückgezogen, aber herzlich, machte er das Kino zu einem Ort der Begegnung. Eine Besucherin erinnert sich: „Das Schöne war, dass wir die Besitzer und das Personal kannten. Man konnte sich unterhalten, was heute kaum noch vorstellbar ist.“ Rencks Charakter zeigte sich auch in seinen charmant-sarkastischen Kommentaren, etwa als er auf Beschwerden über eine defekte Tonspur entgegnete: „Dann musst du nach Euskirchen ins Kino gehen!“
Eine besondere Anekdote handelt von der Katze des Mieters aus der Wohnung über dem Kino, die Renck regelmäßig im Vorführraum begrüßte. „Herr Renck war ein großer Fan von Hugo, der im Kino einfach alles durfte,“ erzählte ein ehemaliger Besucher.
Auch die veralteten Automaten, die noch deutlich nach 2001 nur D-Mark Münzen akzeptierten, gehörten zum Charme des Kinos und wurden von den Stammgästen mit einem Augenzwinkern hingenommen.
Das Ende einer Ära und der Weg ins Museum

Foto: Jan Clevinghaus, LVR-Freilichtmuseum Kommern
2011 schloss das Eifel-Lichtspieltheater seine Pforten endgültig. Sinkende Besucherzahlen und veraltete Technik machten den Betrieb unrentabel. Die Schließung löste bei vielen Trauer aus, darunter auch bei der damals 14-jährigen Schülerin Paulina Triebs. Sie ist als junges Mädchen mit ihrer Mutter zu ihrem Stiefvater nach Gemünd gezogen und hat in einem Interview von ihren Erfahrungen mit dem Kino berichtet. Jahrelang ist sie jeden Mittwoch mit ihrer besten Freundin ins Kino gegangen – am liebsten mit einer Tüte Karamellpopcorn.
Nach der Schließung erwarb das LVR-Freilichtmuseum Kommern große Teile des Inventars, um diese für die Nachwelt zu bewahren. Im Sommer 2024 wurden die eingelagerten Objekte umfassend digital dokumentiert. Zusätzlich führte das Museum Zeitzeugeninterviews und sammelte persönliche Geschichten rund um das Kino.
Neue Nutzung für alte Mauern

Foto: Jan Clevinghaus, LVR-Freilichtmuseum Kommern
Das Gebäude, in dem einst das Eifel-Lichtspieltheater beheimatet war, wird nach umfangreichen Renovierungsarbeiten künftig eine Kita des Deutschen Roten Kreuzes beherbergen. Die Eröffnung ist für 2025 geplant. Das LVR-Freilichtmuseum in Kommern steht in engem Kontakt mit der neuen Leitung, die plant, die Geschichte des Kinos durch historisches Bildmaterial im Gebäude lebendig zu halten.
Auch wenn das Kino heute nicht mehr existiert, bleiben die Erinnerungen an diesen besonderen Ort und die damit verbundenen Erlebnisse für viele unvergessen.

Herbert Renck führte das Kino nicht erst ab den 1990er Jahren, sondern deutlich früher. Müsste Ende der 70er Jahre gewesen sein.
Stimmt das müsste aber 1977 gewesen sein. Liebe Grüße Maria Renck