Ruscha – Keramik des 20. Jahrhunderts im Rheinland.

In der Sammlung des LVR Freilichtmuseums Kommern befindet sich ein großer Bestand an Gebrauchs- und Zierkeramik der 1950er- und 1960er-Jahre der Marke Ruscha, die sich nicht nur im Rheinland, sondern auch über die Grenzen Deutschlands hinaus großer Beliebtheit erfreute. Derzeit umfasst die Sammlung des Museums über 600 Objekte aus der Produktion der Rheinbacher Keramikfirma.

Keramik der Marke Ruscha
Keramik der Marke Ruscha. Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern, Rachel Andreosso.

Die Majolika- und Terrakottafabrik wurde am 15. September 1905 von Georg Peter Schardt und seinem Geschäftspartner Hermann Klein unter dem Namen Klein & Schardt in der Koblenzer Straße in Rheinbach gegründet. Nachdem Hermann Klein diese am 28. Mai 1909 verließ, befand sich die Fabrik unter der alleinigen Führung Georg Schardts.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Fabrik der Firma, die seit 1942 auf Grund der Teilhabe von Schardts Söhnen Georg und Rudolf unter dem Namen Schardt & Söhne bekannt war, stark zerstört.

Nach der alleinigen Übernahme der Firma durch Georg Schardts jüngeren Sohn Rudolf Schardt im Jahre 1949 erfolgte eine erneute Namensänderung in Rudolf Schardt, Keramische Werke Rheinbach, die auch die Verwendung des Markenamens Ruscha, zusammengesetzt aus den Anfangsbuchstaben des Vor- und Nachnamens des neuen Inhabers, mit sich zog.

Der Übernahme der Keramikfirma durch Rudolf Schardt im Jahr 1949 folgte eine umfängliche Überarbeitung des Herstellungsprogramms. Produziert wurden unter anderem Blumenvasen und –Kübel, Krüge, Dosen, Aschenbecher und Wandteller. Die keramischen Erzeugnisse der 1950er- und 1960er-Jahre stellten durch ihre anspruchsvolle Formgestaltung und künstlerische Qualität, beispielsweise der von Hand ausgeführten Malereien, einen Höhepunkt in der Produktionsgeschichte Ruschas dar. Die meisten Objekte wiesen dabei nicht nur eine enorme Spannbreite an erhältlichen Größen auf, auch der Umfang an qualitätsvollen Glasuren zeichnete die Keramikproduktion von Ruscha aus.

Zu Beginn der 1950er-Jahre trug Otto Gerharz, der von 1951 bis 1964 als Betriebsleiter und Gestalter für Glasuren bei Ruscha tätig war, durch die Entwicklung zahlreicher Glasuren, beispielsweise „Kupfergrün“ und „Kobaltblau“, maßgeblich zur Bedeutung der Keramik von Ruscha bei. Er perfektionierte darüber hinaus die sogenannte Craquelée-Glasur, die bei Ruscha in glänzender sowie matter Ausführung in Gelb oder Weiß zu erwerben war. Der Begriff Craquelée/Krakelee stammt von dem französischen Wort craqueler und bedeutet etwas „rissig machen“. Er bezeichnet also zunächst ein Netzwerk von feinen Rissen in verschiedenen Materialien. Im Produktionsprozess von Keramik können Haarrisse ungewollt in der Abkühlphase entstehen, wenn sich die Glasur stärker zusammenzieht als der darunterliegende Scherben. Gleichzeitig wird der Effekt bei der Herstellung von Keramikglasuren aus dekorativen Gründen oft gezielt provoziert und eingesetzt.

Im Jahr 1958 wurde der von Otto Gerharz gestaltete Dekor „Vulkano“ vorgestellt. Für das leuchtend orange-rote Erscheinungsbild der Serie wurde eine stark uranhaltige Glasur verwendet. Bereits in spätrömischer Zeit wurde Uranoxid als Färbemittel für Glas verwendet. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden viele Gläser und Keramikglasuren, die mit Hilfe des Uranoxids eingefärbt wurden. Durch verschiedene Reduktionen des Uranoxids konnten Schwarz- und Brauntöne sowie Rot- und Orangetöne entstehen, die durch die Zugabe von verschiedenen Schwermetallen noch erweitert werden konnten. So konnte durch das Hinzufügen von Zinn ein Grünton und durch die Zugabe von Blei ein kräftiges Korallenrot erzielt werden. Von den historischen Objekten geht eine schwache, jedoch zu vernachlässigende radioaktive Strahlung ab. Da sich durch Abrieb oder durch den Kontakt mit Frucht-, Essig- oder Milchsäuren Uranverbindungen lösen können, sollten die Objekte jedoch lediglich als Dekoobjekte fungieren und nicht als Geschirr verwendet werden.

Dynamische und abstrakte Dekore entwarf in der ersten Hälfte der 1950er-Jahre vor allem Cilli Wörsdörfer, die von 1952 bis 1954 die kunstkeramische Abteilung bei Ruscha aufbaute und leitete. Mit der Gestaltung des Dekors „Milano“ entwarf sie zu Beginn der 1950er-Jahre eine Glasurbemalung, die noch heute als ein Markenzeichen für Ruscha angesehen wird. Es handelt sich hierbei um eine abstrakte Fayence-Malerei auf einer beigefarbenen Mattglasur mit bewegter Oberfläche bestehend aus schwarzen geschwungenen Linien. Die entstandenen Flächen sind dabei teilweise durch verschiedene Farben – meistens in Braun, Blau, Schwarz, Gelb und Grün – ausgemalt oder schwarz schraffiert. Durch die per Hand ausgeführte Bemalung erzielt jedes Objekt ein individuelles Erscheinungsbild.

Krug 313, „Milano“, 1950er-Jahre
Krug 313, „Milano“, 1950er-Jahre. Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern, Rachel Andreosso.

Das obenstehende Bild zeigt nicht nur die Ausführung des Dekors „Milano“, sondern auch den überaus beliebten asymmetrischen Krug mit der Formnummer 313. Der tropfenförmige Krug wurde von Kurt Tschörner 1954 ausgearbeitet. Dieser war als Leiter der Abteilung Flachglasveredelung sowie als Lehrer für Natur- und Entwurfszeichnen an der Steinschönauer Glasfachschule in Rheinbach tätig. Der Künstler entwarf für Ruscha als freier Mitarbeiter seit 1954 größtenteils asymmetrische Formen, die stark von der Natur inspiriert waren. Der tropfenförmige Krug mit dem leicht nach oben geschwungenen Henkel erfreute sich einer solchen Beliebtheit, dass er bis zur Schließung der Firma im Jahre 1996 in den unterschiedlichsten Dekoren verkauft wurden.

Im Jahre 1956 übernahm Hanns Welling die Leitung der Malabteilung bei Ruscha, die er bis 1958 leitete. Er erweiterte das Dekorprogramm Ruschas um die braun-schwarze Engobe-Serie mit geritzten Motiven sowie Farbeinlagen aus Email-Glasur. Engobe bezeichnet eine homogene Mischung aus Ton, Wasser und ggf. weiteren Mineralien und färbenden Rohstoffen, mit der Tongefäße überzogen werden können. In den 1950er-Jahren wurde die Engobe-Glasur häufig mit Ritzdekor versehen und teilweise auch mit handgemalten Glasurauflagen dekoriert, wie es auch bei Ruscha praktiziert wurde. Gemeinsam mit Hanns Welling wechselte Ernst Borens im Jahr 1956 zu Ruscha, der dort zunächst als Maler tätig wurde, später jedoch das Erscheinungsbild der Engobe-Serie bis zu seinem Ausscheiden im Jahr 1961 durch eigene Entwürfe maßgeblich mitbestimmte.

Gefertigt wurden bis in die Mitte der 1960er-Jahre abstrakte Dekore, beispielsweise „Marokko“ oder „Montblanc“, sowie die figürlichen Motive, die die Engobe-Serie Ruschas auszeichnen. Auffallend ist die hohe Anzahl an Engobe-Motiven, die stereotype Vorstellungen von Menschen und Kultur ferner Länder zeigen. So wurden beispielsweise Dekore mit den Bildthemen China, Japan, Kuba, Kongo und Burma hergestellt, die das vermehrte Interesse an fremden Kulturen sowie die sich entwickelnde Reiselust zum Ausdruck bringen. Darüber hinaus wurden Tiermotive, wie beispielsweise Fische, Pferde oder Seepferdchen und Rehe hergestellt. Eine Wiederverwendung fanden die Motive sowohl in der „Weißen Serie“ als auch in der Serie „Documenta“, die zwischen 1961 und 1969 erschien.

Auch Adele Bolz, die im Jahr 1959 ihre Tätigkeit als Dekorgestalterin bei Ruscha begann, prägte mit ihren Entwürfen das Erscheinungsbild der Engobe-Serie. Darüber hinaus entwickelte sie zu Beginn der 1960er-Jahre den aufwendig ausgeführten Dekor „Filigran“. Hierbei handelt es sich um eine aufgespritzte weiße Glasur mit geritztem Dekor, der abstrahierte Fische, Frauen und Rehe sowie Einzellinien zeigt, die das gesamte Objekt bedecken.

Seit den späten 1970er-Jahren wurde das angebotene Sortiment Ruschas sukzessive reduziert. Neben vielen neuen Formkreationen wurden einige beliebte Formen aus den 1950er- und 1960er-Jahren zu diesem Zeitpunkt noch hergestellt. Die verwendeten Glasuren wurden nahezu vollständig überarbeitet. Statt farbenfrohen und handbemalten Glasuren, fanden sich nun überwiegend satte Erdtöne und gedeckte Farben an den Objekten, wie an dem untenstehenden Krug U3 der Serie „Uranus“ mit einer matten, marmorierten Glasur in Schwarz- und Violett-Tönen zu sehen ist. Der Aufkleber „Ruscha art – echt Handarbeit“ kennzeichnete seit circa 1970 einen Teil der Produkte des Rheinbacher Keramikunternehmens.

Nach mehrmaliger geringfügiger Umbenennung des Unternehmens und der Aufnahme von Gesellschaftern schied Rudolf Schardt 1978 aus der Gesellschaft aus, die fortan unter Rheinbacher Tonwaren Ruscha Keramik GmbH & Co. KG. bekannt war und noch bis zum Konkurs im Juni 1996 Keramik in Rheinbach produzierte.

Durch ihren jahrzehntelangen Sitz in Rheinbach sowie die künstlerische Qualität ihrer größtenteils in mühevoller Handarbeit gefertigten keramischen Erzeugnisse, Glasuren und Formgestaltungen, gilt Ruscha als eine bedeutende Keramikmarke des 20. Jahrhunderts im Rheinland. Die Produkte fanden nicht nur in Deutschland, sondern weltweit Absatz. Bereits zu Beginn der 1950er-Jahre waren sie in Nord- und Südamerika, Afrika, dem Orient, Australien und Neuseeland vertreten. Noch heute sind Ruscha-Produkte begehrte Sammlerstücke, die auf dem Markt teilweise bis zum Zwölffachen ihres ursprünglichen Verkaufspreises erzielen.  

Literatur

Hamer, Frank/Hamer, Janet: Lexikon der Keramik und Töpferei. Material, Technik, Geschichte, Augsburg 1990.

Makus, Horst: 50er Jahre Keramik. Der Alltag der Moderne, Stuttgart 1998.

Perz, Dietmar: Keramik in der Stadt Rheinbach (Beiträge zur Geschichte der Stadt Rheinbach, Kleine Reihe, 11), Rheinbach 2005.

Schwankner, Robert Josef/Eigenstätter, Michael/Laubinger, Rudolf/Schmidt, Michael: Strahlende Kostbarkeiten. Uran als Farbkörper in Gläsern und Glasuren, in: Physik in unserer Zeit 4 (2005), 160 – 167.

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