Von Nützlingen und Schädlingen – Tiere als Gefahr und Helfer für die Ernte

Das Zusammenleben und -arbeiten von Mensch und Tier blickt auf eine lange historische Tradition zurück. Bereits frühe Hochkulturen waren auf vielfältige Weise auf Haus- und Nutztiere angewiesen. Die Tiere erbrachten Arbeitsleistungen und lieferten Ressourcen, während der Mensch im Gegenzug Nahrung, Unterschlupf und Versorgung gewährleistete.

Feldarbeit mit zwei Rindern, Kerpen 1920er-Jahre.
© Archiv des Alltags im Rheinland / Ferber_B_0420

Während Tiere wie Pferde, Ochsen oder Kühe bis ins 20. Jahrhundert beim Bestellen der Felder als Zugtiere essenziell waren, konnten „Schädlinge“ die hart erarbeitete Ernte gefährden. Besonders für den Ackerbau stellten sie eine erhebliche Bedrohung dar. Tiere wie der gefürchtete Kartoffelkäfer vernichteten im Extremfall ganze Ernten und bedrohten somit die Nahrungsmittelversorgung der Gemeinschaft. Die Landbevölkerung entwickelte daher verschiedene Maßnahmen, um ihre Felder und Ernten zu schützen.

Wer ist Nützling, wer ist Schädling?

Welche Tierarten als Nutz- oder Haustiere gehalten und gezüchtet wurden, hing maßgeblich von den Rahmenbedingungen landwirtschaftlicher Betriebe und ihrer Umwelt ab; von der Verwertbarkeit des Fleisches, dem Verhältnis ihrer Arbeitsleistung zu den Haltungskosten und der Verpflegung . Ein Nutztier wie das Pferd wurden wegen seiner Arbeitskraft zur Bestellung von Feldern, der Ernte sowie dem Transport von Gütern und Personen gezüchtet und gehalten.  Haustiere wie Katzen und Hunde stiften nicht nur sozialen Nutzen als Begleiter, sondern übernahmen als Jagdhund oder bei der Bekämpfung unerwünschter Tiere wie Mäuse und Ratten eine wichtige Funktion.

Die Bewertung eines Tieres als Schädling hat sich im Laufe der Geschichte vielfältig gewandelt. So galt der Maulwurf vor rund 100 Jahren als Schädling, da man ihn primär mit der Zerstörung von Wurzelwerk in Verbindung brachte. Zudem war sein Fell in der Modeindustrie begehrt, was die Jagd auf ihn verstärkte und mitunter durch Prämien gefördert wurde. Heute hingegen gilt der Maulwurf als nützlicher Bodenlockerer und natürlicher Fressfeind von wirbellosen Schädlingen wie Käferlarven.

Tafel mit Schädlingen.
Schlipf’s Handbuch der Landwirtschaft, Berlin 221920

Schädlingsbekämpfung

Landwirte waren sich seit jeher der Gefahren bewusst, die von Schädlingen ausgingen, und entwickelten Strategien, um ihnen zu begegnen. Als eine der ältesten Formen der Schädlingsbekämpfung gilt die Bekämpfung durch Fallen. Das Aufstellen von Schlagfallen, Fanggräben oder Lebendfallen wie Käfigen mit geeigneten Ködern hat eine lange Tradition. Insbesondere größere Schädlinge wie Füchse, Mäuse und Marder wurden auf diese Weise gefangen oder durch Rauch und Wasser aus ihren Bauten getrieben. Auch Hitze oder Kälte wurden zur Bekämpfung genutzt.

Bis in das 20. Jahrhundert empfahlen zahlreiche Ratgeber (neben dem Bauen und Aufstellen von Lebend- und Tötungsfallen) auch ökologische sowie niedrigschwellige Verfahren zur Schädlingsbekämpfung. Dazu zählte eine Anpassung der Umwelt oder der Feldarbeit:  Zu diesen Bekämpfungsmethoden zählten das Vermeiden von Monokulturen,  das Ernten bei günstigen Wetterverhältnissen, das händische Absammeln von Käfern und deren Larven, die Streuung von Tabakasche auf Feldern oder das Bestreichen von Obstbäumen mit Carbolineum[2], in dem emporkriechende Schädlinge kleben blieben.

Eine Gruppe Kartoffelkäfersammler, Nessa 1958.
© Bundesarchiv, Bild 183-57429-0001 / Krueger

Zur Schädlingsbekämpfung gehörte auch die Einführung neuer Tierarten und die gezielte Förderung bereits vorhandener Spezies. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert nutzten Landwirte die natürliche Konkurrenz verschiedener Tierarten: So wurden Frettchen eingesetzt, um Wildkaninchen zu dezimieren, während Hunde und Katzen bei der Feldarbeit Kleintiere wie Wühlmäuse und andere Nager fingen. Zugleich jagte man bestimmte Vogelarten, denen man den Verzehr von Getreide zuschrieb, wie Sperlinge, während andere Vögel verschont wurden, die Insekten – die häufigsten Ernteschädlinge – fraßen.

Der Landwirtschaftliche Verein riet 1854, durch das Errichten von Nistkästen insektenfressende Vogelarten zu fördern. Elstern, die auch Eier und Jungtiere lokaler Singvögel fressen, wurden hingegen als Schädling betrachtet, ebenso wie Greifvögel. Sie galten als Gefahr für Nutztiere wie Hühner ebenso wie für die Vogelpopulation und wurden bis Mitte des 20. Jahrhunderts – auch gegen Zahlung von Prämien – gejagt. Im Raum Blessem, in der Zülpicher Börde, wurden dementsprechend allein 1902 fünf Habichte und fünf Baumfalken durch den örtlichen Förster und seinen Hilfsjäger geschossen.

Die Populationen von Ernteschädlingen wie dem (ursprünglich amerikanischen) Kartoffelkäfer, der im Juni 1877 zum ersten Mal auf einem Kartoffelfeld in Mülheim am Rhein gefunden wurde, bemühte man sich durch natürliche Feinde wie Vögel in Kombination mit anderen Bekämpfungsmethoden einzudämmen. Spätestens ab den 1930er-Jahren wurde er trotzdem zu einem von Landwirten und Regierung gefürchteten Schädling.

Warnung des Deutschen Pflanzenschutzdiensts vor dem Kartoffelkäfer, Berlin 1935.
Biologische Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft in Berlin-Dahlem (Hrsg.): Nachrichtenblatt für den deutschen Pflanzenschutzdienst (Bd. 15, Heft 7), Berlin 1935, CC- BY-SA 4.0 DE

Die chemische Schädlingsbekämpfung entwickelte sich ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts parallel zum rasanten Wachstum der Chemieindustrie und etablierte sich aufgrund ihrer flächendeckenden Wirksamkeit und der vergleichsweisen einfachen Anwendung rasch als eine der gängigsten Bekämpfungsmethoden. Im Laufe der Zeit wurde jedoch deutlich, dass mit ihrem Einsatz erhebliche Risiken verbunden waren: Neben den Schädlingen wurden auch deren Fressfeinde sowie für das Ökosystem bedeutsame Arten durch die häufig großflächig ausgebrachten Gifte geschädigt. Zudem bestand bei häufiger Anwendung die Gefahr der Resistenzbildung  gegen die angewendeten Pestizide. Mit zunehmendem Wissen über Wirkung und Folgen dieser Verfahren rückte die Suche nach einer Balance stärker in den Vordergrund. Einerseits standen hochwirksame und risikobehaftete chemische Maßnahmen zur Verfügung, andererseits erwiesen sich alternative und vor allem ergänzende Strategien wie die maßvolle Anwendung ausgewählter Präparate und die Kombination dieser mit biologischen und ökologischen Verfahren als langfristig nachhaltiger ab.

Neue Erkenntnisse und technische Entwicklungen gaben Landwirten stets neue Möglichkeiten, sich selbst und ihre Nutztiere vor den zahlreichen Schädlingen in ihrer Umgebung zu schützen. Welche Tiere als Bedrohung galten und welche tierischen Begleiter als nützlich betrachtet wurden, veränderte und verändert sich fortlaufend. Konstant bleibt die Erkenntnis, dass jegliches Eingreifen in die Umwelt Folgen nach sich zieht. Diese betreffen sowohl den Menschen als auch die ihn umgebenden Lebewesen, nicht nur im Hinblick auf eine erfolgreiche Ernte.

Literatur

Ferdinand Anton Bechstein: Der Fang der deutschen Raub – und Rauchthiere. Oder: Wie fängt man Füchse, Ottern, wilde Katzen, Baum – und Steinmarder auf die sicherste, unterhaltendste und leichteste Weise. Mit genauer Beschreibung der eisernen und hölzernen Fallen, der Netze, Witterungen etc. Für Weidmänner, Jagdfreunde, Kürschner, Leipzig/Quedlinburg 1843.

Alfred Willy Boback: Vogelschutz gegen Kartoffelkäfer? In: Biologische Zentralanstalt für Land- und Forstwirtschaft [Hrsg.]: Nachrichtenblatt für den deutschen Pflanzenschutzdienst (Vol. 4/30, Heft 11), Berlin 1950, S. 217-218.

Albert Esser: „Eefach woa et nie…“: Landwirtschaft in Blessem während des 19. und 20. Jahrhunderts, in: Schriften des Geschichtsvereins Erftstadt 1, Weilerswist 2012.

Franz, Dr. Jost Martin/Krieg, Dr. Aloysius: Biologische Schädlingsbekämpfung, in: Pareys Studientexte 12, Berlin/Hamburg 1976.

Michael Koch: Traditionelles Arbeiten mit Pferden, Stuttgart 1998.

Mansfeld, K.: Der Kartoffelkäfer in Europa, in: Biologische Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft in Berlin-Dahlem [Hrsg.]: Nachrichtenblatt für den deutschen Pflanzenschutzdienst (Vol. 3, Heft 1), Berlin 1923, S. 5.

Herbert May [Hrsg.]: Tierisch nützlich. Der Mensch und sein Vieh, in: Schriften Süddeutscher Freilichtmuseen Bd. 8, Petersberg 2023.

Hans Hinrich Sambraus: Atlas der Nutztierrassen. 220 Rassen in Wort und Bild, Stuttgart 1989.

Johann Adam Schlipf [Hrsg.]: Schlipfs praktisches Handbuch der Landwirtschaft, Berlin 221920.

Unser Dank gilt dem Förderverein Rheinisches Freilichtmuseum Kommern e.V. für die finanzielle Unterstützung der Begleitausstellung zur Veranstaltung „Nach der Ernte“.


[1] Das gefangene Tier konnte dadurch noch für sein Fell oder als Köder gebraucht werden.

[2] Steinkohlenteeröl, ein Nebenprodukt der Herstellung des Brennstoffs Koks.

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