Auf Tippelei – Handwerker auf Wanderschaft

Der Begriff „Tippelei“ oder „Walz“ bezeichnet bei Handwerkerinnen und Handwerkern die Zeit der Wanderjahre nach dem Abschluss ihrer Lehre („Freisprechung“) und war zwischen Spätmittelalter und Beginn der Industrialisierung in einigen Zünften eine Voraussetzung für die Zulassung der Gesellen zur Meisterprüfung. Die sich drehende Walze wurde zur Metapher der Wanderschaft, „auf die Walz gehen“.[1] Das Gesellenwandern wurde 2014 in die Liste des deutschen immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen .[2]

Ein wandernder Geselle oder Gesellin wird als „Fremdgeschriebener“ oder „Fremder“ bezeichnet und soll durch die Wanderschaft Lebenserfahrung sammeln, sowie neue Regionen und deren Arbeitstechniken kennenlernen.

Die Handwerkerinnen und Handwerker wandern entweder frei oder als Mitglied eines sogenannten Schachts. Als Schacht wird eine Vereinigung von Menschen bezeichnet, die auf Wanderschaft waren oder sind.[3] Auch wenn man die aktiven Wanderjahre beendet hat, ist man weiterhin Wandergeselle, allerdings wird man dann als „Einheimischer“ oder „einheimischer Wandergeselle“ bezeichnet. Schächte sind vergleichbar mit Studentenverbindungen und bestehen teilweise schon seit mehreren Jahrhunderten. Jeder Schacht hat eigene Erkennungszeichen an der Kluft, so in etwa eine blaue (Rolandschacht), rote (Fremde Freiheitsbrüder), graue (Freier Begegnungsschacht) oder schwarze (Rechtschaffene Fremde) Ehrbarkeit mit daran befestigter Handwerksnadel. Eine Ehrbarkeit ist ein Kleidungsstück der Kluft, meist ein schmales Stoffband. Freie Vogtländer sind dagegen an den sogenannten Spinnerknöpfen und einer Anstecknadel zu erkennen, Mitglieder von Axt und Kelle tragen einen standardisierten Ohrring, und Freireisende haben keine festen Erkennungszeichen.[4]

Schwarz-weiß Foto einer Gruppe von Männern in Handewerkerkluft
Eifeler Handwerksburschen auf der Walz in Neuss 1929. Foto: Sammlung Ferber/LVR, CC BY 4.0 (Ferber_E_1036/Archiv des Alltags im Rheinland)

Geschichte der Wanderpflicht für Handwerker

In einigen Zünften war in der Frühen Neuzeit die Wanderpflicht als Teil der Ausbildung eingeführt worden, wobei der Zeitraum der Wanderschaft in den jeweiligen Statuten festgelegt war und sich je nach Zunft unterschied. Zuvor waren besonders im Hochmittelalter Wanderungen einzelner Handwerker oder ganzer Bauhütten zu verschiedenen Kirch- oder Kathedralbauten vorausgegangen. Neben Wissens- und Technologietransfer war die Wanderung auch eine Art Steuerungsinstrument für den Arbeitsmarkt, durch das die Gesellen Chancen auf dem Stellenmarkt bekamen. So wurde es möglich sesshaft zu werden, eine Familie gründen und versorgen zu können. Ortsansässige Meister beschäftigten häufig nur eine kleine Anzahl an Gesellen, sodass den Jüngeren oft nur blieb, ihr Glück in der Fremde zu suchen.[5] Auch nach der Aufhebung des Wanderzwangs und dem zunehmenden Bedeutungsverlust der Zünfte Mitte des 19. Jahrhunderts blieben Wanderbewegungen der Handwerksgesellen bestehen. [6] Es gab auch sogenannte „gesperrte Handwerke“, in denen das Wandern zum Schutz vor Wissenstransfer und Bewahrung des Monopols verboten war. Beispiele sind etwa die Bernsteindreher in Lübeck 1385 oder später die Brillenmacher und Drahtzieher in Nürnberg.[7]

Erst nach Absolvierung der Hälfte der Wanderzeit konnten sich die Gesellen als Anwärter auf die Meisterschaft in das Buch der jeweiligen Innung eintragen lassen und erst nach Beendigung der Wanderschaft und mehreren Berufsjahren, den „Mutjahren“, konnten sie ihr Meisterstück anmelden.

In „Kundschaften“ oder Wanderbüchern wurden seit dem 18. Jahrhundert die Anstellungen während der Walz dokumentiert, sodass die Gesellen nachweisen konnten, wo und wann sie gearbeitet hatten. Dieses Dokument ist ein wichtiger Beleg ihrer Arbeitszeit und später ein Erinnerungsstück für die Gesellen. Die durchschnittliche Wanderzeit betrug etwa drei Jahre. Die zu wandernde Zeit war von Zunft zu Zunft unterschiedlich und zusätzlich gab es Vorgaben über die in dieser Zeit zu leistende Arbeitszeit, die in den jeweiligen Statuten festgelegt waren. Die Ziele konnten frei gewählt werden, waren aber häufig von Sprachgrenzen und Religion bestimmt.[8]

Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts wurden Ausnahmen vom Wanderzwang häufiger. Wenn man die kranken Eltern versorgen, Militärdienst leisten musste oder von schwacher Gesundheit war, konnte man sich mit Geld vom Wanderzwang freikaufen. In der zweiten Hälfte des 18. und ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg die Wandergesellenzahl zunächst an, mit dem Fortschreiten der Industrialisierung ging sie dann jedoch stark zurück. Nach Auflösung der Zünfte im Laufe des 19. Jahrhunderts durch die Einführung der Gewerbefreiheit[9] wanderten nur noch wenige Gesellen. Mit Eisenbahn oder Dampfschiff gelangte man schneller ans Ziel und die Vermittlung der Arbeit erfolgte über Annoncen in Zeitschriften.

Es ist sehr schwierig, die Anzahl von aktuell wandernden deutschen Handwerkerinnen und Handwerkern zu beziffern. Für das Jahr 2005 gibt es Schätzungen von 600 bis 800 Wandernden, für das Jahr 2010 wurde die Zahl auf etwa 450 geschätzt.[10] Neben dem Reisen als Angehörige eines Schachts besteht weiterhin ebenfalls die Möglichkeit, frei zu reisen, und es gibt keine Meldepflicht. Es gibt allerdings diverse Voraussetzungen, die man erfüllen muss, wenn man auf Wanderschaft gehen möchte. Die Freien Vogtländer zum Beispiel schreiben unter anderem vor, dass man frei, ungebunden, unverheiratet und möglichst unter 30 Jahren alt sein muss, das Beherrschen der deutschen Sprache ist Voraussetzung sowie das Verbot der politischen Betätigung und des Konsums von Drogen.[11]

Aufgeschlagenes Heft in alter Schrift mit Eintragungen
Wanderpass für Handwerker auf Wanderschaft der Königlich Preußischen Staaten für den Mechaniker Philipp Lauf aus Monzingen aus dem Jahr 1833
Foto: Archiv des Alltags im Rheinland/1978-421-09a/LVR

Ablauf

Unmittelbar nach dem Ende seiner Lehrzeit machte sich der Geselle oder die Gesellin auf den Weg und erhielt von der Gesellenschaft seiner Zunft eine Unterweisung in den Bräuchen, die auf dem Weg beachtet werden mussten. Bei seinem Aufbruch wurden sie oftmals noch ein Stück von Freunden und Verwandten begleitet, waren dann aber auf sich selbst gestellt. Das Gepäck war klein, bestand aus der Kleidung, die sie trugen und einem „Felleisen“ also Rucksack/Tornister oder „Charlottenburger“, sowie einem Wanderstab oder Degen.[12] Traditionell wurde das Gepäck auf der linken Schulter getragen. Die Kluft der Wandernden war je nach Schacht etwas unterschiedlich, enthielt aber in der Regel eine Kopfbedeckung, also einen Hut mit breiter Krempe, Zylinder, Melone o.ä., eine weite Schlaghose, meist aus Cord, eine Weste, ein Jackett mit Perlmuttknöpfen und ein weißes Hemd.

Das nötige Reisegeld musste sich der Geselle selbst zusammensparen und später erarbeiten, sodass er oft unter kärglichen Umständen auf Strohlagern oder teils auch unter freiem Himmel übernachten musste. Es gab zwar ein Netz aus Herbergen. Dieses war aber recht dünn. Ohne vorhandene Schlafmöglichkeit übernachtete der Geselle, der keine Arbeit gefunden hatte bei seinem Meister, bei Bauern oder eben draußen.

Nach 1450 erlebten die Herbergen ihre größte Verbreitung und Zünfte oder Gesellenschaften vereinbarten mit den Wirten vertraglich die Übernahme des Postens als „Herbergsvater“. Der Wirt ließ nach der Ankunft des Gesellen den ortsansässigen Verantwortlichen der Zunft rufen, der den Gesellen mit Grußformeln und einem Umtrunk begrüßte. Außerdem erhielt er ein Geschenk, das in Kost und Logis für einige Tage in der Herberge und einem Geldbetrag bestand. Manche Zunft gab den Gesellen auch anstatt eines Geldgeschenks eine Beschäftigung, mit der sie sich ihr Reisegeld verdienen konnten. Der Verantwortliche der Zunft führte dann mit dem Gesellen die sog. „Umschau“ durch und begleitete ihn von Werkstatt zu Werkstatt, um nach Arbeit zu fragen. Auch beim Verlassen der Stadt nach abgeschlossener Arbeit wurde der Geselle von seinen Mitgesellen bis zum Stadttor begleitet und erneut mit einem Umtrunk verabschiedet.[13]

Die Zahl der Herbergen ging durch die Auflösung der Zünfte zurück. Sie wurden teils durch Herbergen religiöser Träger wie etwa dem katholischen Kolpingverein oder den evangelischen „Herbergen zur Heimat“ ersetzt, die Gesellen auf der Walz kostenlose Übernachtungen anboten.

Es gibt verschiedene Gesellentreffen, bei denen sich die wandernden Gesellen zusammenfinden und die teils auch öffentliche Bereiche haben, in denen Interessierte Kontakte knüpfen oder Familientreffen stattfinden können. Außerdem gibt es verpflichtende Jahrestreffen als Hauptversammlungen der jeweiligen Schächte, bei denen wichtige Dinge besprochen und beschlossen werden können.

Nach Absolvierung der vorgeschriebenen Wander- und Arbeitszeit konnten sich die Gesellen „einheimisch“ melden und sich als Anwärter auf die Meisterschaft eintragen lassen. Der Geselle musste nachweisen, dass er seine Pflichten erfüllt hat, erhielt auf dem Handwerkssaal ein Diplom und wurde in die Reihen der einheimischen Gesellen seines Schachts aufgenommen.[14]

 Museumshandwerker auf der Walz

Bei uns im Museum arbeiten zurzeit ein Handwerker und eine Handwerkerin, die auf der Walz waren. Der Zimmermann Edgar Lauterbach war von August 1986 bis März 1989 auf Tippelei und die Korbflechterin Andrea Schultz-Wild war von September 1989 bis Dezember 1994 auf Wanderschaft. [15] Beide berichteten, dass ein Treffen mit einem Handwerker, der bereits auf Wanderschaft war, in ihnen den Wunsch geweckt habe, auch loszugehen.

Andrea Schultz-Wild erzählt: „Also angefangen hat es quasi damit, dass ich reisende Gesellen kennengelernt hab und ich bemerkt hab, kein Wunder, dass ich bisher in meinem Leben nicht wusste was ich will, denn ich wusste nicht, dass es das gibt.“ Beide entschieden sich für handwerkliche Ausbildungsberufe, in denen Wanderschaft möglich war. Um jedoch mit der Wanderschaft beginnen zu können, musste man zunächst Kontakte knüpfen, die besonders auf sog. „Gesellentreffen“ möglich waren. Dort erfuhr man, welche Voraussetzungen man erfüllen musste und wie man „losgeschickt“ werden konnte.

Gereist sind beide unter ganz unterschiedlichen Voraussetzungen. Edgar Lauterbach schloss sich klassisch einem Schacht, den „Freien Vogtländern Deutschlands“[16], an. In diesem Schacht muss man gewissen Regeln folgen, kann aber auch von diversen Vorteilen profitieren. Andrea Schultz-Wild hätte als Frau generell nur eine begrenzte Auswahl an Schächten gehabt, da es in Deutschland nur zwei Schächte gibt, die überhaupt Frauen auf Tippelei bringen. Sie entschloss sich jedoch frei zu reisen.

Als Zimmermann auf der Walz

Edgar Lauterbach nach Kauf seines Klappzylinders in Achern im Schwarzwald 1987. Foto: privat

Edgar Lauterbach reiste als Mitglied eines Schachts in recht geregelten Bahnen. Bereits während seiner Zimmermanns-Ausbildung nahm er Kontakt zur Kölner Bude der „Freien Vogtländer“ auf. Nachdem er sich seine Kluft in Hamburg hatte schneidern lassen, konnte er seinen „Charlottenburger“ packen. So nennt man ein Tuch in der Größe von etwa 1 mal 1 Meter. Man legt mehrere Tücher übereinander und rollt damit seine Kleidung ein, umwickelt sie mit einer Schnur und verbindet das Ganze mit einem Tragegestell aus Lederriemen. Dieses Päckchen kann man nun über die Schulter hängen und hat somit sein Gepäck dabei. Zum Gepäck gehört neben der „Spornkluft“, also der guten Wanderkluft mit Perlmuttknöpfen am Revers, und dem schwarzen Hut mit Krempe, auch eine Arbeitskluft und der „Obermann“, der Arbeitshut, sowie der „Speckbeutel“ zur Aufbewahrung von Essen.

Auf einem Gesellentreffen im August 1986 in Nienburg wurde beschlossen, dass Edgar Lauterbach im Oktober 1986 „erwandert“ werden sollte: Also von einem erfahrenen Gesellen mit auf Wanderschaft genommen und in die Regeln eingeführt werden sollte. Man erklärte ihm die Verhaltensregeln, die Sprache – oft werden Teile des Rotwelchen oder Jenischen, der Sprache der Fahrenden, zur Verständigung genutzt -, wie man für Arbeit vorspricht und wie man z.B. beim Bürgermeister nach Reiseunterstützung fragt. Zu den Regeln gehört unter anderem, dass man 50 km Abstand zu seinem Heimatort einhalten muss, bevor man seine vorgeschriebene Reise- und Arbeitszeit abgeleistet hat. „Heimat“ wird definiert, indem man mit einem Zirkel einen Kreis von 50 km um den Heimatort zieht. Man wird „fremdgeschrieben“ und kann losziehen. Die Reisezeit dauert bei den „Freien Vogtländern“ zwei Jahre und einen Tag.

Wenn man „erwandert wird“, erhält man bei den „Freien Vogtländern“ ein Adressbuch der Gesellen, bei denen man sich melden kann, wenn man in einer Stadt ankommt. Bei Ankunft wird der Altgeselle angerufen, der dem Gesellen sagt, wo man zünftig um Arbeit vorsprechen kann. Bei den „Freien Vogtländern“ erhält man bei der Losschickung zusätzlich eine „Ehrbarkeit“ (Anstecknadel), die offen zu tragen ist und auf der die Abzeichen der vier großen Handwerke abgebildet sind, die Teil des Schachtes sind: Säge und Axt für den Zimmermann, Zirkel und Kelle für den Maurer, Hammer für den Dachdecker und Winkel für den Schreiner. Außerdem erhält man ein Liederbuch, denn auf Tippelei wird viel gesungen und geklatscht. Der Zimmermannsklatsch findet besonders bei Richtfesten und Handwerksabenden statt.[17] Des Weiteren bekommt man noch ein Reisetagebuch für persönliche Erinnerungen und ein Reisebuch des Europäischen Dachverbands CCEG „Compagnonnages Europeens-Europäische Gesellenzünfte“[18] für die Arbeitszeugnisse. Der Arbeitsumfang der einzelnen Tätigkeit wird mit dem Arbeitgeber individuell ausgemacht und man arbeitet angemeldet auf Steuerkarte mit Krankenversicherung. Von der Wehrpflicht konnte man sich während der Walz befreien lassen.

Männer mit weißen Hemden, schwarzen Westen und Zylindern klatschen sich gegen die Hände
Fremde beim Zimmermannsklatsch. Foto: privat.

Wenn es keine Arbeit gibt, bittet der Wandergeselle um Unterstützung in Form von Geld, Essen oder Obdach. Dies erfolgt durch ein ritualisiertes Vorsprechen bei Handwerksmeistern, in Rathäusern oder auch schon mal in einer Bäckerei. Der Wandergeselle spricht: „Gott zum Gruß, die Zunft zu Fuß“, klopft mit dem „Stenz“ (Stock) auf und bittet um Unterstützung. Bei Erfolg sagt er „fix bedankt“ und zieht weiter.

Lauterbach berichtet, dass Zunftherbergen Obdach boten, aber bezahlt werden mussten. Sog. „Buden“ der Wandergesellen sind aber nicht nur Kneipe, sondern auch oft Herberge, Anlaufpunkt für Reisende und Altreisende Gesellen. Die Versammlungen der Gesellen, die hier stattfinden werden „Aufklopfen“ genannt.

mehrere Menschen auf Ski an einem schneebedeckten Hang
Auch das Vergnügen durfte nicht zu kurz kommen: Edgar Lauterbach beim Skifahren in Kluft in Bad Ischgl 1987. Foto: privat

Die Kommunikation zu Lauterbachs Wanderzeit verlief „altmodisch“: Handys gab es noch nicht, sie sind aber auch heute noch verpönt. Es gab eine Zentrale, die über alles Bescheid wusste. Man meldete sich an und ab, je nachdem wo man arbeitete. Wenn die Familie den Gesellen erreichen musste, war das über diese Zentrale möglich.

Edgar Lauterbach beendete seine Wanderschaft aus persönlichen Gründen im Frühjahr 1989. Er wurde bei der Zunft einheimisch gemeldet und bekam sein Reisediplom. Anschließend gab eine zünftige Party. Nach der Einheimischmeldung wird man als „Altgeselle“ in einer Stadt oder „Kaffgeselle“, der in einem Abstand von 50 km von einer Bude wohnt, bezeichnet.

Auf Tippelei als Korbflechterin

Andrea Schultz-Wild auf Tippelei vor der Kreishandwerkerschaft in Lüneburg am 15.3.1991. Foto: privat

Andrea Schultz-Wild absolvierte eine Ausbildung zur Korbmacherin an einer Berufsfachschule, wurde im September 1989 „losgebracht“ und reiste fünf Jahre hauptsächlich in Deutschland, der Schweiz, Schweden und England.[19] Sie entschied sich frei zu reisen, ohne an einen Schacht gebunden zu sein. So war sie an keine festgelegten Regeln gebunden. Ihre Kluft ließ sie sich in der Farbe braun fertigen, da die Studien alter Abbildungen im Seminar für Handwerkswesen in Göttingen keine feste Korbmacherkluft zeigten: „[…] dann sahen die Korbflechter nicht anders aus als die anderen Leute in dem Umzug aus demselben Ort. Die haben halt getragen, was man da getragen hat.“[20] Die Herbergen der verschiedenen Schächte konnte sie nutzen, wenn sie mit einem Mitglied eines Schachts reiste, ansonsten bat sie um Obdach z.B. bei Handwerksmeistern, bei Pfarrern oder gar bei netten Bekanntschaften, die man etwa in der Kneipe kennengelernt hatte. Im Sommer schlief sie schon mal in der freien Natur im Wald, was ihr persönlich nichts ausmachte.

„Losgebracht“ wurde Andrea Schultz-Wild aber trotzdem. Von einer Tischlerin, die sie in die Regeln des Reisens einführte: „Die hat mich dann quasi abgeholt und dann sind wir gemeinsam gereist und haben gemeinsam auch ein paar Baustellen gemacht und sie hat mir eben gezeigt wie das geht. Wie man wo fragt um Nachtquartier, wie man um Unterstützung bittet, wie man zum Rathaus geht, wie man um was zu essen bittet. […] Die mich losgebracht hat war Tischlerin. Weil das Reisen an sich ist ja für alle gleich. Ob du Steinmetz bist oder Tischler oder Töpfer. Das Reisen an sich ist dasselbe und du kannst dich auch gegenseitig losbringen. Und ich hab‘ eine Tischlerin dann wiederum losgebracht und diesen Töpfer.“ Theoretisch können die Gesellen zwar auch ohne Einführung aufbrechen, aber dann wissen sie viele Dinge nicht, was später zu Problemen führen kann.

Schwarz-weiß Foto mit 3 Menschen, die im Stroh sitzen mit Handewerkerkluft
Andrea Schultz-Wild im August 1993 mit zwei Reisegefährtinnen in Wondreb unweit der tschechischen Grenze. Foto: privat

Andrea Schultz-Wild berichtete, dass sie oftmals auch in anderen Gewerken arbeitete: „[…] weil es in der Korbflechterei extrem schwierig, ist Arbeit zu finden. […] Und das fand ich aber überhaupt nicht schlimm, weil ich sowieso eine bin, die sich schwer entscheiden kann. Ich hätte am liebsten alle Handwerksausbildungen gelernt, die es gibt. Dann hab‘ ich gedacht: ,Ok, komm, es ist wirklich wurscht, wenn du halt in der Korbflechterei nicht arbeiten kannst. Da haste ja genug Kontakt zu anderen Reisenden.‘ Dann hab‘ ich auf Tippelei eben ganz viele andere Sachen gemacht. Ich hab‘ in einer Tischlerei als Hilfskraft mitgearbeitet. Als Hilfskraft in der Tischlerei hab‘ ich mehr Geld verdient, als wenn ich in der Korbflechterei als Gesellin gearbeitet hab. Also von daher war das auch kein schlechter Deal und hab eben was dazu gelernt. Von den Geräten gelernt […] und eben mit anderen Gesellen irgendwelche Fachtechniken gelernt.“

Kommunikation verlief auch bei Andrea Schultz-Wild nicht über Handy und Internet. Man erfuhr, wo man sich treffen konnte „indem man auf einem von den Treffen ist und auf dem Treffen steht schon fest wann das nächste ist. Also auf dem Wintertreffen wird festgelegt wann und wo die nächste Sommerbaustelle ist, auf der Sommerbaustelle wird festgelegt wann das Wintertreffen ist. Wir hatten ein schachtübergreifendes Treffen, also ein Treffen für uns, wo wir uns mit politischen Themen auseinandergesetzt haben. […] Dann ist oft klar, da geht jemand los, da treffen sich welche. Da geht jemand nach Hause, da treffen sich welche. Und alle solche Sachen kriegst du halt mit, wenn du auf ein Treffen gehst. […] Aber du siehst auch Leute einfach auf der Straße. Das ist ja wie, wenn du schwanger bist, siehst du lauter schwangere Frauen […] Du triffst andere Leute, du kriegst von anderen Reisenden erzählt. ‚Letzte Woche waren welche hier. Kennst du die?‘“

Auf die Frage, was die Tippelei ihr gebracht habe, antwortete sie lachend: „Was hat es mir gebracht? Na ja, jede Menge Spaß natürlich. Es war eine super gute Zeit. Also und Selbsterkenntnis: Also wer ich bin, wie ich zur Welt stehe, was mir liegt, was mir nicht liegt… Wie groß das Land ist. Dass das Land immer größer wird, je länger man sich darin bewegt. Schon viel Kenntnis über mich und die Welt. Also es hat mich wahrscheinlich besser auf das Leben vorbereitet als mein Abitur.“

Literaturauswahl:

Bohnenkamp, Anne/ Möbus, Frank: Mit Gunst und Verlaub! : wandernde Handwerker: Tradition und Alternative, Göttingen 2020.

Back, K.-H.: Gesellschaft der Freien Vogtländer Deutschlands: Reisende und Einheimische Bauhandwerker, Rehburg 1985.

Kluge, Arnd: Die Zünfte, Stuttgart 2009.

Ottmer, Jochen: Migration im 19. und 20. Jahrhundert. Oldenbourg 2010.

Reith, Reinhold: Arbeits- und Lebensweise im Städtischen Handwerk. Zur Sozialgeschichte Augsburger Handwerksgesellen im 18. Jahrhundert (1700-1806) (Göttinger Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Göttingen 1988.

Röhrich, Lutz/ Meinel, Gertraud: Redensarten aus dem Bereich von Handwerk und Gewerbe, in: Alemannisches Jahrbuch 1972/73, S.163-198.

Schulz, Knut (Hrsg.): Handwerk in Europa. Vom Spätmittelalter bis zur frühen Neuzeit. Oldenbourg, München 1999.


[1] Röhrich, Lutz/ Meinel, Gertraud: Redensarten aus dem Bereich von Handwerk und Gewerbe, in: Alemannisches Jahrbuch 1972/73, S.163-198, S.168.

[2] Bundesweites Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe | Deutsche UNESCO-Kommission (zuletzt abgerufen am 21.11.2023)

[3] Zu den einzelnen Schächten siehe Bohnenkamp, Anne/ Möbus, Frank: Mit Gunst und Verlaub! Wandernde Handwerker: Tradition und Alternative, Göttingen 2020, S. 54-61, sowie S. 68-77.

[4] Wanderjahre – Wikipedia.

[5] Bohnenkamp/ Möbus: Mit Gunst und Verlaub, S., S. 17.

[6] Ottmer, Jochen: Migration im 19. und 20. Jahrhundert, Oldenburg 2010, S. 16 f.

[7] Bohnenkamp/ Möbus: Mit Gunst und Verlaub, S. 16.

[8] Zum Wissenstransfer durch Wanderungsbewegungen siehe Schulz, Knut (Hrsg.): Handwerk in Europa. Vom Spätmittelalter bis zur frühen Neuzeit. Oldenbourg, München 1999

[9] Zum Niedergang der Zünfte siehe Bohnenkamp/ Möbus: Mit Gunst und Verlaub, S.44-47.

[10] Wanderjahre – Wikipedia (zuletzt abgerufen am 21.11.2023)

[11] Siehe hierzu Back, K.H.: Gesellschaft Freier Vogtländer Deutschlands, Reburg 1985, S. 421-424.

[12] Kluge, Arnd: Die Zünfte, Stuttgart 2009, S. 189.

[13] Reith, Reinhold: Arbeits- und Lebensweise im Städtischen Handwerk. Zur Sozialgeschichte Augsburger Handwerksgesellen im 18. Jahrhundert (1700-1806) (Göttinger Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Göttingen 1988, S. 140. Siehe auch Bohnenkamp; Möbus: Mit Gunst und Verlaub, S. 31.

[14] Vgl. Back, Gesellschaft Freier Vogtländer, S. 310.

[15] Die Gespräche mit beiden fanden jeweils am 18.10.2023 statt.

[16] Informationen zu den Freien Vogtländern finden sich Back, Gesellschaft der Freien Vogtländer Deutschlands, oder www.freie-vogtlaender.eu | GESELLSCHAFT FREIE VOGTLÄNDER DEUTSCHLANDS Einheimische und reisende Bauhandwerker.

[17] Siehe hierzu auch Back: Gesellschaft Freier Vogtländer Deutschlands, S. 252.

[18] Weitere Informationen siehe die Homepage der Startseite | CCEG

[19] Ein weiterer kurzer Bericht einer weiteren Korbflechterin auf Tippelei findet sich in Bohnenkamp; Möbus: Mit Gunst und Verlaub, S. 146-151.

[20] Siehe auch Gespräch Karin, freireisender Korbflechterin in Bohnenkamp; Möbus: Mit Gunst und Verlaub, S. 148-150, die ebenfalls keine feste Kluft der Korbmacher nachweisen konnte.

Ein Gedanke zu “Auf Tippelei – Handwerker auf Wanderschaft

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