Die Sammlung des LVR-Freilichtmuseums Kommern umfasst einen großen Bestand historischer Ansichtskarten. Ein kleiner Teil davon wurde eigens für die Ausstellung zur Geschichte der Gasthäuser im Rheinland der 2013 eröffneten Gaststätte Watteler angeschafft und kann dort heute noch besichtigt werden. Diese zeigen vor allem Abbildungen von Gaststätten und Hotels im Rheinland, darunter heute noch bestehende Traditionshäuser wie das Hotel Dreesen in Bad Godesberg oder das Gildenhaus („Gilden im Zims“) am Kölner Heumarkt. Gleichzeitig sind die Karten Erinnerung an längst vergessene kleinere Wirtshäuser, die heute in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr bestehen. So auch die Gaststätte Watteler, die 2005 endgültig geschlossen wurde und als Zeugnis einer einzigartigen Wirtshauskultur der Nachkriegszeit eine neue Heimat auf dem Marktplatz Rheinland gefunden hat.



1 – Historische Ansichtskarte des Gildenhauses, heute „Gilden im Zims“, am Kölner Heumarkt, Mitte 20.Jh. Erstmalig 1163 erwähnt, beheimatet das Gebäude heute noch immer ein traditionelles Kölsches Brauhaus.
Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern
2 – Historische Ansichtskarte der „Bauern-Schänke“ des Uhrmachers Robert Krall, um 1900. Die Wirtschaft wurde Ende des 19. Jahrhunderts eröffnet und war für viele Jahre ein Stammlokal für Düsseldorfer Karnevalisten.
Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern
3 – Historische Ansichtskarte aus Eschweiler über Feld mit der Gastwirtschaft Watteler, Bild unten rechts/Zweites Haus von links, um 1973. Foto: Heimat- und Geschichtsverein der Gemeinde Nörvenich e.V.
Wer hat´s erfunden?
Entwickelt wird die Postkarte als „offenes Postblatt“ 1865 vom preußischen Geheimen Postrat Heinrich von Stephan (1831-1897).

Foto: Beyrer 1997, 21
Seine Idee des kleinen, rechteckigen Kartons ohne Umschlag stößt bei der preußischen Obrigkeit aus moralischen Gründen zunächst allerdings auf wenig Gegenliebe; sind die Kurznachrichten doch für Jedermann vom Postboten bis hin zum Dienstmädchen offen zu lesen.
Als von Stephan seine Erfindung – unter dem Namen „Correspondenzpostkarte“ 1870 als Generalpostdirektor des Norddeutschen Bundes endlich umsetzen kann, sind ihm die Österreicher bereits zuvorgekommen. Hier wird am 1. Oktober 1869 postamtlich die erste Postkarte der Welt von Perg bei Linz nach Kirchberg befördert. Dennoch wird Stephan 1931 zum 100-jährigen Geburtstag posthum die Ehre einer eigenen Postkarte zuteil.

Was wir übrigens heute im Volksmund als Postkarte bezeichnen, ist der Definition nach eigentlich eine Ansichtskarte – also eine Postkarte mit Foto oder Bilddruck.
Hoffnungsträger in Krisenzeiten
Seinen großen Durchbruch erlebt das neue Kommunikationsmittel während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 als Antwort auf ein sich veränderndes Kommunikationsbedürfnis. Zwar haben die Soldaten wenig Zeit, um ausführliche Briefe zu schreiben; dennoch wollen sie kurze Mitteilungen an ihre Lieben versenden. Zudem wird für die Korrespondenz von und an die Front kein Porto erhoben und kostenlos unbebilderte Postkarten an die Soldaten verteilt. Bereits bis zum Jahresende 1870 werden von den 400.000 Soldaten insgesamt 10 Millionen Feldpostkarten in die Heimat geschickt. Eine ähnliche Bedeutung kommt den Feldpostkarten ebenfalls im Verlauf der beiden Weltkriege zu. Diese unterliegen hier jedoch einer stärkeren Zensur, werden doch Mitteilungen gerade in weniger erfolgreichen Zeiten über militärische Geheimnisse oder gar Kritik an den Vorgesetzten nicht allzu gerne gesehen.


Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern
Wie die Postkarte zu ihrem Format kam
Ist zuvor nur die Verwendung der amtlichen und von Poststuben herausgegebenen vorgedruckten Karten erlaubt, dürfen ab 1885 auch private Verlage Bildpostkarten gewerblich anbieten. Der Karton wird rückseitig oft ganzformatig bedruckt, sodass der Text knapp um das Bild herum platziert werden muss. Die Vorderseite hingegen ist bis 1905 ausschließlich der Adresse vorbehalten.


Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern
Erst danach wird das heute bekannte Layout mit Teilungsstrich und je einer Seite für Gruß und Adresse eingeführt.
Abgebildet werden im Laufe der Zeit neben den klassischen Landschaftsbildern und Sehenswürdigkeiten alle denkbaren Motive vom Haustier bis hin zum Flaschenöffner: es gibt nichts, was es nicht gibt. Der zeitgenössische Geschmack bewegt sich dabei immer wieder zwischen Kitsch und Kultur – eine Fragestellung, die auch in der aktuellen Sonderausstellung „Grässliche Glückseligkeit. Faszination Kitsch“, die noch bis zum 15.03.2026 bei uns im Museum zu besuchen ist, durchaus aufgegriffen wird. Und während sich die Illustration ständig neu erfindet, bleibt der enthaltene Gruß über die Jahrzehnte oft gleich: Zunächst wird nach dem Wohlbefinden gefragt, dann bedankt man sich für die erhaltene Karte, nicht selten gefolgt von einer Bemerkung zum Wetter.

Besonders beliebt aber ist unterdessen zu Beginn des 20. Jahrhunderts natürlich die Liebeskorrespondenz. In städtischen Regionen wird die Post in der Spitze bis zu 11 Mal täglich zugestellt und Postkarten fungieren damit als eine Art Whatsapp des Kaiserreiches.

Ein Medium erobert die Welt
Der Höhepunkt des Versendens sowie des Sammelns von Postkarten datiert etwa um die Jahrhundertwende. Mit der aufkommenden Reiselust des Bürgertums ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts steigt gleichzeitig das Interesse, den Daheimgebliebenen einen kleinen Gruß zukommen zu lassen. Die Postkarte dient nicht den Urlaubsgrüßen allein, sondern ihnen kommt ein bestimmter Werbecharakter zu. So nutzen vor allem die Wirtshäuser und Ausflugsziele Ansichtskarten zu Werbezwecken und drucken neben schönen, teilweise verklärenden Bildern Informationen zum Angebot ab. Währenddessen stellen die Gemeinden die örtliche Wirtschaft als Sehenswürdigkeit auf ihren Postkarten dar. Dass auch das Rheinland in dieser Zeit zu einer willkommenen Ausflugs- und Urlaubsregion wird, zeigt die Postkartensammlung des Museums. Touristen suchen gerade im analogen Zeitalter Gaststätten auf, die sie bereits von den Ansichtskarten her kennen. Aber auch Werbung in Stempelform von Ausstellungen, Messen oder Kinos werden prominent neben der Briefmarke platziert.




Abb. 1 – Stadt- und Landschafsbilder werden oft verklärt dargestellt, wie hier auf einer historischen Ansichtskarte des Altmarktes in Oberhausen mit Fabriken im Hintergrund, Frühes 20. Jh. Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern
Abb. 2 – Historische Ansichtskarte mit Werbung der Restauration Friedrich Schwaferts in Sonneborn, um 1900.
Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern
Abb. 3 – Historische Ansichtskarte aus dem Neandertal, Mitte 20.Jh. Neben typischen Landschaftsbildern ist hier auch die als Sehenswürdigkeit dargestellte Gaststätte „Neanderhöhle“ abgebildet.
Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern
Dabei ist die Verwendung der Postkarten nicht ausschließlich auf die Obrigkeit beschränkt. Zumal ohnehin nur wenig Platz für persönliche Nachrichten ist, erfordert die Postkarte keine sprachlichen Meisterleistungen und erfreut sich somit über alle Gesellschafts-, Berufs-und Altersklassen hinweg großer Beliebtheit.
Und heute?
In ihrer Geschichte unterliegt die Postkarte immer wieder einem Bedeutungswandel. Während des Ersten Weltkriegs und der Zeit des Nationalsozialismus dient sie vor allem als Propagandamittel.

Erst im Zuge des Wirtschaftswunders in den 1950er Jahre entwickelt sie sich zurück zum Charakter des Urlaubsgrußes und wird bis heute größtenteils in den Sommermonaten Juni bis August versendet.


Abb. 2 – Ansichtskarte Freilichtmuseum Kommern, 2024.
Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern
Weiterhin entstehen mit den kostenlosen Postkarten in Kneipen oder den digitalen Postkarten immer wieder neue Formate und Trends.
Literatur
J. Mangold (Hrsg.), Gaststätte Watteler. Herzstück am Marktplatz. Marktplatz Rheinland 4 (Kommern 2017).
K. Beyrer (Hrsg.), Kommunikation im Kaiserreich. Der Generalpostmeister Heinrich von Stephan. Kataloge der Museumsstiftung Post und Telekommunikation 2 (Heidelberg 1997).
K. Beyrer/H.-C. Täubrich (Hrsg.), Der Brief. Eine Kulturgeschichte der schriftlichen Kommunikation (Heidelberg 1996).
Kreis Viersen (hrsg. Inst.), Grüße von Nah und Fern. Zur Kulturgeschichte der Postkarte. Begleitbahn zur Sonderausstellung im Niederrheinischen Freilichtmuseum (Grefrath 2021).
