Elektrifizierend –Der Neuzugang am „Marktplatz Rheinland“

Seit Anfang Mai 2023 wird die Baugruppe „Marktplatz Rheinland“ durch eine Transformatorenstation der Bauzeit 1904/1905 ergänzt. Der aus Bürvenich stammende Neuzugang steht prominent neben der Bunkeranlage am Ende der Linden-Allee, die auf den Marktplatz zuführt. Obwohl sich das Gebäude noch in der Restaurierungsphase befindet, sticht es bereits durch seine Architektur hervor, die zunächst nicht auf ein technisches Bauwerk schließen lässt.

gekiester Weg, links und rechts Bäume, im Hintergrund ein Gebäude hinter einem Zaun
Die Trafostation aus Bürvenich an ihrem Standort im LVR-Freilichtmuseum Kommern.
Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern, Clara Ruf

Aus der Ferne mutet die vergleichsweise kleine Trafostation, gerade knapp 4 Meter lang, 2,50 Meter breit und 5 Meter hoch, wie eine Kapelle an. Den Eindruck erzeugen Bauelemente, die sakraler Architektur entlehnt sind, wie der geschweifte Giebel oder die seitlichen Rundbögen. Die Ornamentik lässt sich dabei den sich um 1900 immer weiter entwickelnden Stilen der Reform- und Jugendstilarchitektur zuordnen.

Gebäude mit geschwungenem Dach
Bei der Gestaltung der Trafostation wurden sakrale Stilelemente verwendet.
Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern, Raphael Thörmer

Dass das Häuschen auf den ersten Blick nicht als Transformatorenstation zu erkennen ist, war Absicht. Zu seiner Erbauungszeit galt der Leitgedanke, dass die Transformatorenstationen von der üblichen Bebauung nicht zu stark abzuweichen sollten. In Formensprache und Materialität wurden sie daher an das jeweilige Ortsbild angepasst.

Um 1904/1905 wurde die Station im Zusammenhang mit der ersten großen Welle der Elektrifizierung des ländlichen Raumes errichtet. Die Eifel war zu Beginn des 20. Jahrhunderts Vorreiter in der Erschließung der Region mit Elektrizität. Bei Heimbach wurde 1906 das damals größte Wasserkraftwerk Europas errichtet, das die gesamte Region bis Aachen mit Strom versorgen sollte.

Weißes Gebäude im Jugendstil
Das Jugendstilkraftwerk bei Heimbach
Foto: Gemeinfrei, wikimedia commons, Arthur McGill

Bereits ab 1880 wurde eine Reihe kleinerer regionaler Stromnetze betrieben. Städte und Industriebetriebe hatten zu dieser Zeit eigene Elektrizitätswerke. Mit der Erbauung eines neuen, leistungsstarken Kraftwerkes sollten nun mehrere Kreise und Städte an ein übergreifendes Netz angeschlossen werden. Verantwortlich für den Bau des Kraftwerkes war die 1899 gegründete Rurtalsperren-Gesellschaft der Kreise Aachen, Düren, Schleiden, Monschau, Jülich und Heinsberg.

Eine elektrische Erschließung der Region war demnach von langer Hand geplant. Während der Planungen für den Bau des Kraftwerks und der Urfttalsperre wurde auch bereits ein Netz an Transformatorenstationen vorgesehen. Diese sollten an strategischen Knotenpunkten in den Dörfern errichtet werden. Ein Großteil der Anlagen konnte bis zu der Eröffnung des Wasserkraftwerkes fertiggestellt werden.

Die Transformatorenstation, die in Bürvenich stehen sollte, wurde als Typenbau entwickelt. Baugleiche Anlagen befanden sich unter anderem in Lendersdorf, Nideggen und Arnoldsweiler. Während die meisten dieser Stationen inzwischen verschwunden sind, steht in Juntersdorf noch die Hülle des Typenbaus – heute umfunktioniert zu einer Bushaltestelle.

Weißes kleines Gebäude, daneben ein Metallturm
Der Typenbau in Junterdorf – heute eine Bushaltestelle.
Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern, Volker Kirsch

Was lange geplant war, entwickelte sich nach der Fertigstellung in einem raschen Tempo. Bereits zehn Jahre nach der Eröffnung erzeugte das Kraftwerk Heimbach zu wenig Strom, um den steigenden Bedarf zu decken. Einige Transformatorenstationen erwiesen sich als unpraktisch oder waren baufällig und wurden durch modernere oder größere Bauten ersetzt.

Die Trafostation in Bürvenich hingegen überdauerte die Zeit. Spätestens in den 1970er-Jahren wurde der Transformator gemeinsam mit den anderen technischen Bauteilen ausgebaut. Andere Originalbauteile, wie die Tür, blieben erhalten. Seitdem stand das Gebäude ungenutzt leer, bestenfalls als Abstellraum fand es vorrübergehend Verwendung. Zu seiner Erhaltung beigetragen hat vermutlich auch der etwas abseitige Standort der Station. Sie stand von der Straße aus schwer einsehbar hinter dem historischen Spritzenhaus des Dorfes.

Schwarz-weiß Foto einer Trafostation
Einer der Vergleichsbauten in Lendersdorf vor 1928. Westhoff, C.: Kommunale Baukunst im Kreise Düren, Düren 1928, S. 121

Ein Jahrhundert nach seiner Erbauung fiel die Trafostation 2009 dem LVR-Freilichtmuseum Kommern auf.  2022 wurde es dann konkret: Die Trafostation wurde von Unkraut und Überwucherung befreit und ausführlich vom Museumsteam dokumentiert.

Spannend wurde es schließlich am 3. Mai: Ein Schwerlastkran hob die gut gesicherte Station in Bürvenich in einem Stück auf einen Tieflader. Dieser fuhr in der Nacht auf den 4. Mai bis vor die Tore des Museums, wo am nächsten Morgen die Station unbeschädigt an ihrem endgültigen Standort abgesetzt werden konnte.

Vorerst zurückgelassen wurde der Gittermast, der neben der Station an ihrem originalen Standort stand und vermutlich aus der Erbauungszeit stammt. Die Dorfgemeinschaft Bürvenich baut noch die Signalsirenen ab, welche sich an der Spitze des Mastes befindet und die kein originaler Bestandteil der Konstruktion ist. Anschließend findet auch der Mast seinen Weg ins Freilichtmuseum.

Haus und Mast
Der Gittermast gehört zu den Originalbauteilen. Die Spitze fehlt allerdings.
Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern

Ein Gedanke zu “Elektrifizierend –Der Neuzugang am „Marktplatz Rheinland“

  1. Ein faszinierender Einblick in die Geschichte der Elektrifizierung im ländlichen Raum! Besonders beeindruckend finde ich die architektonische Gestaltung der Transformatorenstation – auf den ersten Blick wirkt sie wie eine kleine Kapelle. Es ist spannend zu sehen, wie technische Bauten damals harmonisch ins Ortsbild integriert wurden. Vielen Dank für diesen informativen Beitrag! Lg Berna

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