Landwirtschaftliche Böden in Zeiten der Industrialisierung, Teil 2 – Fortschritt durch Forschung

Seit dem 19. Jahrhundert entwickelten sich Bodenkunde, Bodenbiologie und Agrikulturchemie als Forschungsfelder, die landwirtschaftliche Böden in den Blick nahmen. Die entscheidende Bedeutung fruchtbarer Böden für den landwirtschaftlichen Ertrag lag dabei auf der Hand. Schwerpunkte der Forschung waren das Düngen und die mechanische Bodenbearbeitung. Die Wissenschaft stand dabei der traditionellen Landwirtschaft gegenüber, die sich aus über viele Generationen weitergetragenen, lokalen Erfahrungswerten speiste.

Abfüllung von Thomasmehl als Phosphatdünger, Riescheid-West 1930er-Jahre.
© WDR Digit, gbv riescheid-west

Düngermangel

Johann Nepomuk Schwerz legte 1836 seine „Beschreibung der Landwirtschaft in Rheinpreußen“ vor. Vom Innenministerium ausgesandt hatte Schwerz ab 1816 zwei Jahre lang die westfälische und rheinische Landwirtschaft untersucht und seine Ergebnisse in einem Bericht festgehalten. Das Düngen fand im Herzogtum Jülich nach Bericht Schwerz‘ höchstens alle drei Jahre statt. Auch im Ort Blessem in der Zülpicher Börde, mangelte es an Dünger, da es im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts wenig Viehhaltung gab. Man bediente sich stattdessen Asche, Kalk oder Schlamm.

Die Popularisierung des Düngens

Landwirtschaftliche Vereine lenkten ab Mitte des 19. Jahrhunderts einen neuen Fokus auf das Düngen und bemühten sich den Zusammenhang von ausreichend nährstoffreichem Boden und guten Ernteerträgen stärker ins Bewusstsein zu rücken. In der Wissenschaft galt Chemie als Mittel der Wahl zur Verbesserung der Böden und damit der Erträge.

Illustration des Minimumgesetzes zum Pflanzenwachstum, 1828.
Schlipf’s Handbuch der Landwirtschaft, Berlin 221920

Im späten 19. Jahrhundert zeigten die Bemühungen Wirkung: der Einsatz von Düngemitteln auf landwirtschaftlichen Flächen begann anzusteigen. Dies hatte auch damit zu tun, dass mehr Gülle aus der verstärkten Viehhaltung als Dünger zur Verfügung stand. Darüber hinaus wurden bereits um 1800 45 unterschiedliche Düngemittel vertrieben. Während zu dieser Zeit durchschnittlich 0,7kg Stickstoff pro Hektar Fläche eingesetzt wurden, stieg der Wert bis 1911 auf 6,4kg. Auch der Einsatz von Phosphat und Kali vervielfachte sich. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts geriet durch Justus von Liebig der Mineraldünger in den Fokus. Sein patentierter Dünger bestand aus „Pflanzenasche, Gips, Knochen, Kaliumsilikat, Magnesiumsulfat und Ammoniumphosphat“, konnte sich jedoch nicht durchsetzen. Häufig wurde „Chilesalpeter“ verwendet, natürliches Natriumnitrat, das aus Südamerika importiert wurde oder Stickstoff in Form von Guano, einem Dünger aus Vogelexkrementen. Nach 1908 konnte mit der Entwicklung des Haber-Bosch-Verfahrens, bei dem synthetisch Ammoniak hergestellt wurde, günstiger Stickstoffdünger produziert werden. Kalisalze für die landwirtschaftliche Nutzung kamen aus dem Bergbau. Später wurde Thomasmehl als Nebenprodukt der Stahlproduktion entdeckt, um Phosphat zu substituieren.
Auch im Rheinland fanden neue Düngemittel zunehmend Verbreitung: Von der Dampfknochenmühle Hoffmann und Co. in Köln-Müngersdorf konnten Knochenmehl, Superphosphat, deutscher Guano oder Gips gekauft werden. Mitte des 19. Jahrhunderts erklärte der Landwirtschaftliche Verein, dass die drei Knochenmühlen des Kreises Euskirchen der Nachfrage nicht nachkämen.

Werbekartenspiel für Kali-Dünger, 1930er-Jahre.
© Stiftung Domäne Dahlem – Landgut und Museum

Problematiken

Die industrielle Düngerproduktion musste sich gegen Gründüngung, bei der nährstoffeinbringende Pflanzen zur Düngung genutzt wurden, ebenso wie gegen Mist und menschliche Fäkalien als Dünger durchsetzen. Der Düngemittel-Markt war vielseitig und wuchs, die Qualität der Produkte war jedoch schwankend, da es sich oft nicht um chemische Reinstoffe handelte. Die Wirksamkeit des Düngers konnte daher schwanken. Bäuerinnen und Bauern mussten zudem oft hohe Preise für Düngemittel zahlen.
Qualitätskontrollen der Düngemittel fanden durch Genossenschaften statt, die 1907 allerdings selbst 25% des Düngemittelmarkts innehatten. Die zehntausenden Verkaufsstellen und Händler und die große Anzahl an regionalen Düngerproduzenten, machten eine ausreichende Kontrolle der Dünger darüber hinaus unmöglich. Auch die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft vertrieb Thomasmehl und Kali von externen Produzenten und erhielt entsprechende Zahlungen als Zwischenhändler, gab zugleich Empfehlungen und führte Düngemitteltests mit zur Verfügung gestellten Düngern durch.

Kritik am Düngemittelvertrieb der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft, 1898.
Vorwärts. Berliner Volksblatt 15 (1898), Nr. 130 (7.6.1898)

Düngen in der Praxis

Der Landwirtschaftliche Verein bemängelte 1861, dass das Wissen über das Düngen zwar zugenommen habe, in der Praxis aber noch nicht genügend umgesetzt werde. Um das Düngen insgesamt voranzubringen, wurden Landwirten weiterhin die Vorteile des eigenen Düngers vor Augen geführt. In Blessem scheiterte die Düngung teils an praktischen Problemen. Die empfohlene trockene Lagerung des vorhandenen Mists setzte sich nicht sofort durch. Um 1900 wurde in Blessem außerdem mit Guano, Salpeter, Superphosphat und Kalkstickstoff gedüngt. Der Kauf war über den Spar- und Darlehenskassen-Verein möglich.

Zwei Ochsen transportieren Jauche im Fass, Mayen-Kehrig 1958.
© Archiv des Alltags im Rheinland / Josef Ruland 006-150

Überdüngung?

Die Produktionssteigerungen des Agrarsektors im 19. Jahrhundert hingen mit dem verstärkten Einsatz von Dünger zusammen. Die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs bremsten den Düngereinsatz in den 1910er-Jahren aus, da sowohl die Viehhaltung als auch die Möglichkeit zu Kunstdüngerimporten eingeschränkt wurden. In den Folgejahren wurde der Einsatz von Kunstdünger von staatlicher Seite gefördert und die Produktion in Deutschland nahm zu. Unter den Agrarwissenschaftlern gab es zugleich einen Diskurs um eine mögliche Übersäuerung der Böden durch die chemische Düngung. Eine Alternative setzte sich trotzdem nicht durch. Kunstdünger ermöglichte eine am Zeitraum gemessen sehr intensive Einbringung von Nährstoffen in die Böden, zu der der Umwelthistoriker Frank Uekötter schreibt: „Dass am Ende der agrarindustriellen Revolution ein hochproduktiver Boden stehen würde und nicht etwa ein devastierter, war bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nicht klar […].“

Traktor mit Sämaschine bringt gleichzeitig Saatgut, Dünger und Insektizide aus, Moers letztes Viertel 20. Jh.
© Archiv des Alltags im Rheinland / Wolfgang Schiffer 113-039

Bodenbearbeitung

Im wissenschaftlichen Diskurs spielte die Bodenbearbeitung gegenüber den Düngemitteln eine kleinere Rolle. Aber auch die mechanische Bearbeitung der Böden entwickelte sich im 19. Jahrhundert weiter.
Die Vorbereitung der Äcker im Frühling war ein entscheidender Schritt, um Ernteerträge zu optimieren. Zum Einsatz kamen neben einem Pflug auch Egge, Grubber und Walze, die den Boden wendeten, auflockerten, Unkraut einarbeiteten und bis zum gewünschten Grad verdichteten. Oft blieb dafür nicht viel Zeit im Jahresverlauf und der Zeitdruck war groß.
Der hölzerne, rheinische Hunspflug blieb mit Eisenschar ausgestattet bis Anfang des 20. Jahrhunderts Standard beim Pflügen der Äcker.

Zeichnung eines Hunspflugs aus Scheuerheck (Kreis Euskirchen).
© LVR-Freilichtmuseum Kommern, Inv.-Nr.: 1958/962

In großen Betrieben setzte sich zunehmend der Eisenpflug durch, der tiefer pflügte. Neuartige, mehrscharige Eisenpflüge setzten eine Zugkraft voraus, die nur mehrere Pferde aufbringen konnten. Die meisten Betriebe, die nur über ein Zugtier verfügten, konnten zweischarige Pflüge und tieferes Pflügen daher nur durch eine Spanngemeinschaft bewerkstelligen oder indem sie sich ein Pferd ausliehen. Die Funktion des Pflugs blieb dabei gleich: eine Vorschar ließ etwaigen Dünger und die Zwischenfrucht auf dem Acker in die Furche gelangen, bevor die Hauptschar die Bodenoberfläche umgrub.

Produktblatt mit Pflügen und Eggen, um 1930.
©LVR-Freilichtmuseum Lindlar, CC-BY-SA 4.0 DE

Traktoren, die sich ab dem zweiten Viertel des 20. Jahrhunderts verbreiteten, bedeuteten gegenüber Zugtieren durch Zeitersparnis und bessere Effektivität einen entscheidenden Entwicklungsschritt. Ein Traktor konnte über viele Stunden konstant arbeiten und durch die höhere Zugkraft tiefer pflügen. Während diese intensivierte Bodenbearbeitung neue Möglichkeiten auftat, waren die langfristigen Auswirkungen auf die Böden nicht klar.

Feldarbeit mit dem Traktor, Issum 1965.
© Archiv des Alltags im Rheinland / Gerd Pieper, broecheler-0111

Das Ende der „Bodengare“?

Lange Zeit galt es als oberstes Ziel eines Landwirts, die Bodengare zu erreichen. Damit bezeichnete man den Idealzustand eines Ackers vor dem Aussäen, der auch durch das Zutun von Bakterien und Pilzen im Boden entstehen sollte. Während der Begriff im 19. Jahrhundert zum Standardrepertoire der Landwirtschaftsschriften zählte, nahm seine Bedeutung über das 20. Jahrhundert im landwirtschaftlichen Diskurs stark ab.
Der Bedeutungsverlust der Bodengare zeigt auf, wie die intensivierte agrarische Forschungsarbeit ab dem 19. Jahrhundert sowohl im Bereich Dünger als auch bei der Bodenbearbeitung, zu einem Umbruch in der Landwirtschaft im 20. Jahrhundert führte. Ein optimierter Boden und gute Erträge ließen sich nun durch gut dosierten Kunstdünger und unermüdliche Maschinen erreichen.

Erklärung der „Bodengare“.
Schlipf’s Handbuch der Landwirtschaft, Berlin 221920

Literatur

Albert Esser: „Eefach woa et nie…“. Landwirtschaft in Blessem während des 19. und 20. Jahrhunderts (Schriften des Geschichtsvereins Erftstadt, Bd. 1), Weilerswist 2012.

Gunter Mahlerwein: Die Moderne (1880-2010) (Grundzüge der Agrargeschichte, Bd. 3), Köln u.a. 2016.

Frank Uekötter: Die Wahrheit ist auf dem Feld (Umwelt und Geschichte, Bd. 1), Göttingen 2012.

Quellen

Johann Nepomuk von Schwerz: Beschreibung der Landwirtschaft in Rheinpreußen, Stuttgart 1836.

Johann Adam Schlipf: Schlipf’s praktisches Handbuch der Landwirtschaft, Berlin 221920.

Unser Dank gilt dem Förderverein Rheinisches Freilichtmuseum Kommern e.V. für die finanzielle Unterstützung der Begleitausstellung zur Veranstaltung „Nach der Ernte“.

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